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Erinnerungen HB

Er hat uns ein Sparschwein angeboten, mir jeden Monat da 10 Mark angeboten. 10 Mark waren ja damals wahnsinnig viel Geld gewesen, aber ich darf von unserem Geheimnis niemandem etwas verraten. Erst mal wusste ich gar nicht, was er damit veranstalten wollte, oder was das soll. Ich war f├╝rchterlich erschrocken und ich kann im Nachhinein nur sagen, ich war ausgesto├čen.

Was erwartest Du von der Evangelischen Stiftung Volmarstein heute?

Da├č die einfach aus der Geschichte heraus sich auf die Socken machen und f├╝r uns was f├╝rs Alter tun. Die haben f├╝r uns in den jungen Jahren nichts getan. Dann sollen die jetzt was f├╝rs Alter tun.  Weil, wir wissen alle, wo wir sonst enden und ich glaube nicht, dass das irgendwer von uns will. Und zwar ohne Angst im Alter leben zu m├╝ssen.

Am 08. Mai 2009 besuchte HB den Sprecher der Arbeitsgruppe zu Kaffee und Kuchen in seiner Wohnung. Hier Ausz├╝ge aus einem Interview:

 

An welchem Tage wurdest Du geboren?

03. 02. 1953.

Und wann kamst Du ins Johanna- Helenen- Heim?

1961, am 15. 10. und vorher war ich oben in der Klinik drin.

Wie hie├čen denn die Lehrerinnen im Johanna- Helenen- Heim mit denen Du zu tun gehabt hattest?

Steiniger. Ich wei├č nicht, ob die Frau Wald da schon da war, aber ich glaube, die kam sp├Ąter. Steiniger, wei├č ich noch, da hatten wir immer Sch├Ânschreiben, die hat immer so viel gemeckert und geschrien, immer nur rumgehampelt mit ihrem Stock. Und Serverin.

Als Du vor Deinem Aufenthalt im Johanna- Helenen- Heim in der Klinik warst, hast Du da nur positive Erfahrungen gemacht, oder?

Von der Klinik, soweit ich mich erinnern kann, kann ich nichts negatives sagen. Da waren gro├če R├Ąume und viele Kinder, da kann ich mich nicht an irgendetwas b├Âses erinnern.

Und wie alt warst Du, als Du ins Johanna-Helenen-Heim kamst?

Sieben.

Wie war Dein Verh├Ąltnis zur Steiniger und zur Severin?

Die machten mir Angst, die machten mir einfach Angst, wenn die da an der Tafel standen und rissen einem an den Haaren, wenn man nicht aufgepasst hat oder an der Tafel rumgeschmiert hatte. Das war einfach nur Angst.

Haben sich die Gewaltt├Ątigkeiten darauf beschr├Ąnkt oder ...?

Ne, ich habe auch sehr h├Ąufig in der Ecke stehen m├╝ssen, wenn ich irgendwann mal was geredet habe.

Und wer hat Dich in die Ecke gestellt?

Severin

Erlebtest Du mehr Repressalien durch die Severin oder durch die Steiniger?

Also bei der Steiniger habe ich noch lebhaft in Erinnerung, dass wir morgens die H├Ąnde zeigen mussten. Wir hatten Sch├Ânschreiben bei ihr. Das waren immer so eineinhalb Stunden  mit Tintenfass und Feder. Und wir mussten die H├Ąnde auf den Tisch legen und sie kam mit einem Lineal oder mit einem Rohrstock, und wenn die nicht sauber waren oder wenn die nicht ordentlich waren, wurde draufgehauen. Meistens mit einem Lineal.

War das ein Rohrstock oder...?

Es ist auch manchmal ihr eigener gewesen. Und nicht immer nur auf die Finger.

War das gelegentlich? War das h├Ąufiger?

Das war h├Ąufig. Auch manchmal, wenn man nur gesessen hat. Also ich w├╝rde aus heutiger Sicht sagen, fast regelm├Ą├čig. Je nachdem, was die f├╝r Laune hatte, manchmal hatte die richtig miese Laune. Wenn man die morgens schon sah, - also ich wei├č, dass diese Frau mir eine H├Âllenangst gemacht hat.

Und, hat sie sich nur in dieser Form Dir gegen├╝ber verhalten?

Nein, nein, da waren noch mehrere...

Zum Beispiel?

Wer war denn damals mit bei mir in der Klasse? Ich ├╝berleg gerade, Hans-J├╝rgen T. war damals mit in der Klasse, der lebt ja nun leider nicht mehr. Horst war schon mit in der Klasse, den k├Ânnen wir auch nicht mehr fragen [gestorben]. Annegret L. glaub ich, die war schon da, Erika J., die war mit mir da in der Klasse, und, so viel ich wei├č, Ulla E. m├╝sste schon dagewesen sein.

Bei welchen Mitsch├╝lern hast Du in Erinnerung, gesehen zu haben, dass sich Steiniger oder Severin gewaltt├Ątig gezeigt haben?

Ich wei├č es an einem Beispiel und das betrifft eigentlich Dich selber, obwohl Du ja schon zwei Klassen ├╝ber mir warst, dass man Dich zum Beispiel immer auf den Boden gelegt hat oder Du musstest liegen, weil Du Dein Stotterproblem hattest. Und das ist mir ja auch so haften geblieben aus der Zeit, dass man Dich hingelegt hatte und dass man auf Dir rumgetreten ist oder so. Also, das fand ich ganz ganz grausam.

Wenn Du 1953 geboren bist, dann warst Du 1961 7 Jahre alt?

Du lagst dann da und ich habe gedacht, warum treten die auf Dir rum. Du solltest alles,was Du sagen willst, singen, weil Du beim Singen nicht gestottert hast. Ich fand es grausam, Dich so hinzulegen.

Wer hat da auf mich getreten? Also, ich kenne zwar die Geschichte, aber es ist mal interessant, von anderen dasselbe auch zu h├Âren.

Also das war die Severin und wenn es nicht beide [Severin und Steiniger] waren, die auf Dich eingetreten haben. Ich kann...

Die Angst, die Du vor diesen Lehrerinnen hattest, wie hat sie sich gezeigt?

Ich konnte mich in der Schule nicht vern├╝nftig konzentrieren.

Hattest Du ab und zu Angst, hattest Du h├Ąufig Angst?

Ich hatte h├Ąufig Angst. Ich glaub, das hat schon sehr fr├╝h angefangen, je nachdem, bei wem wir Schule hatten. Da herrschte auch eine Strenge; heute w├╝rde ich sagen, wie beim Milit├Ąr. Ich hab mich, wie ich nach Volmarstein kam, auf die Schule gefreut gehabt, wie jedes andere normale Kind auch. Und habe es dann so erlebt, dass da nur Strenge war. Es musste alles perfekt sein und das so schnell wie m├Âglich. Und wenn du nicht mitkamst, dann wurdest du eben nach hinten gesetzt, da musste man eben ein bisschen mehr dran arbeiten. Diese Arbeit bestand aus Schl├Ągen und aus Pr├╝geleien. Ich durfte in meinem Sch├Ânschreibheft nie einen Tintenfleck haben; unter anderem wurden die H├Ąnde dann wieder blau gehauen. Die taten wieder weh und dann kannst du nicht schreiben; da hattest Du einfach Angst.

Also die Tatsache, dass die Lehrerinen Dir auf die H├Ąnde gehauen haben, die hatten wir erw├Ąhnt.

Ja nicht nur. Ich habe auch in der Ecke gestanden, weil ich mit irgendwem geredet hatte. Von morgens 9.00 Uhr bis 12.00 Uhr habe ich dann in der Ecke gestanden. Das geht gar nicht, du durftest ja nicht umfallen. Ich hab dann ganz verkrampft da gestanden, musste gleichzeitig aber sehen, dass ich dem Unterrichtsstoff folge, das ging ├╝berhaupt nicht, weil ich mich ja nicht setzen durfte. Ich bin zweimal sitzengeblieben, weil einfach die Konzentration oder was auch immer gefehlt hat. Heute wei├č ich einfach, dass es eine pure Angst war. Pure Angst, von vornherein blo├č nichts falsch zu machen.

Und wie alt warst Du, als Du zum ersten Mal in der Ecke gestanden hast, so circa?

Zweite Schuljahr schon, das ging dann sehr schnell.

 

Wie hast Du Dich auf der Kinderstation gef├╝hlt, mit welchen Schwestern hattest Du ├╝berhaupt zu tun?

Also, auf der M├Ądchenstation im Johanna-Helenen-Heim war das so, dass da Elise und Martha waren, beides Diakonissen. Beide f├╝r mich aus meiner Sicht schon steinalt. Und ich kann mich dran erinnern, wie meine Oma mich damals ins Johanna-Helenen-Heim brachte, mit meinem Koffer, mit meinem Mantel, dass Elise zu mir sagte - und das wei├č ich noch wie heute - : ÔÇ×Hier herrscht ein anderer Ton.ÔÇť Nahm mir meinen Koffer weg, zog mir meinen Mantel aus und nahm mir meine Puppen weg. Und dann musste ich erst mal mit nach oben auf mein Zimmer. Da wurde mir der Saal und alles gezeigt. Meine ÔÇ×JuttaÔÇť, meine Lieblingspuppe, wurde ans Fu├čende gesetzt. Das ist also der erste Eindruck, den ich vom Johanna-Helenen-Heim habe. Was ich nie vergesse, war dieses Haus. Es war sehr gro├č, es hatte sehr hohe R├Ąume, sehr dunkel wirkte und irgendwie bedrohlich. Ich wei├č, dass Elise mich mit diesem Satz f├╝rchterlich erschrocken hat.

Und als sie diesen Satz zu Dir sagte, da warst Du erst sieben?

Ja, ich war sieben Jahre alt. Und lass mich ne halbe Stunde dagewesen sein. Meine Oma war gerade auf dem Weg nach Hause.

Und wie war das dann sp├Ąter? Hattest Du auch da unter Repressalien zu leiden?

Ich wei├č nicht, die Elise war immer so, wenn man da einen verkehrten Ton hatte, sag ich mal, oder irgend etwas verkehrt gemacht hatte, aus ihrer Sicht, habe ich stundenlang in der Ecke gestanden, im gro├čen Saal, wo wir Essen mussten. Spielen war so gut wie gar nicht. Ich habe sehr viel gespielt, das wei├č ich noch, mit Angela L., die kennst Du. Mit der habe ich damals aus purer Langeweile, weil wir gar nichts anderes zu tun hatten, einen Strick um den Bauch gemacht. Angela war so alt wie Du, glaube ich, und ich wollte, dass sie laufen lernt. Und zwar so wie ich. Ich, ein Kind von sieben oder acht Jahren. Und da habe ich gesagt, du kannst das auch, wir ├╝ben das. Und wir sind immer, wie bl├Âde Schafe - heute sage ich das so -  um diesen bl├Âden Tisch rumgelaufen. Es hat keiner verstanden. Aber was h├Ąttest du vor Langeweile machen sollen? Da war ja nichts. Es wurde nicht gespielt. Wenn, hatten wir Spr├╝che und die Bibel auswendig zu lernen. Das wei├č ich noch. Oder man kam in die Ecke. Drau├čen war wenig M├Âglichkeit zu spielen, das war vielleicht mal ne Stunde, anderthalb, die wir da Sonne kriegten. Aber wir durften ja auch mit den Jungs nicht spielen. Fand ich ganz schlimm. Ich komme aus einem Haus, ich hatte selbst zwei Br├╝der und noch ne Schwester. Also ich wei├č auch, dass es viele waren, die das nicht gut fanden im nachhinein. Aber du blockst irgendwann einfach ab und ertr├Ągst es.

 

Die Schwester Martha, die hat immer im gro├čen Saal gestanden, an der T├╝r, wenn wir abends im Bett waren - und wir mussten ja relativ fr├╝h [ins Bett] - , mit dem Rohrstock und hat aufgepasst, dass wir nicht fl├╝stern, dass wir nicht miteinander reden. Oder wenn mal jemand geweint hatte, Heimweh hatte, was v├Âllig normal ist in dem Alter, - das gab es nicht. Wir h├Ątten ja gar keinen Grund, wir h├Ątten ja alles.

Haben die Euch misshandelt?

Ich habe Stunden mit der Ulla E. in der Schuhputzecke verbracht. Das war dieser lange Flur, da gab es eine Abzweigung, da war ein Fenster drin, da stand ein Schuhpult. Und wenn ich dann nicht vern├╝nftig war, warum auch immer, dann wurde ich da hingesetzt und dann bekam ich die Bibel. Dann durfte ich vorw├Ąrts und r├╝ckw├Ąrts die Bibel lesen. Zwei Stunden lang. Und wenn ich dann wieder lieb war und ganz ganz leise, durfte ich auch wieder in mein Bett. Ich wei├č nicht, ich hab da mit Ulla stundenlang aus dem Fenster gucken k├Ânnen. Da guckte man so Richtung Franz-Arndt-Haus. Deswegen bin ich ja auch vor 1 ┬Ż Jahren nicht mit nach oben gegangen, ich konnte das gar nicht, ich konnte diese Ecke nicht wieder sehen [HB bezieht sich hier auf eine Besichtigung des JHH vor etwa 2 Jahren mit Mitgliedern der Arbeitsgruppe und Mitarbeitern der Evangelischen Stiftung.]. Oder was eins der ÔÇ×sch├ÂnstenÔÇť Strafen war - ich mein, ich hab mir da einen Witz draus gemacht - da war ich dann schon ein bisschen ├Ąlter, so zehn oder elf: Schuhe putzen f├╝r alle Leute. Wenn man was ausgefressen hatte. Mit Schienen dran, mit allem dran. Im Endeffekt habe ich mir dann gesagt, du brauchst dann nicht so fr├╝h ins Bett. Dann putzt man hier lieber die Schuhe. Das das nat├╝rlich ne Heidenarbeit war...

Wie oft sind denn dann ├╝berhaupt die Schuhe geputzt worden?

So viel ich wei├č, alle 14 Tage wenigstens und wenn es als Strafe war, dann durftest du es noch ├Âfter machen.

So wie die M. berichtet hatte, war sie doch f├╝r das Schuheputzen zust├Ąndig.

Aber anschlie├čend waren das auch wir kleinen [wird so von MB best├Ątigt]. Obwohl, Ulla E., die sah ja damals schon kaum, und ich hab dann immer gesagt: ÔÇ×Komm Ulla, Du kannst mir helfenÔÇť. Sie sagte, sie sieht doch nichts. Ich meinte, komm, dann brauchst du nicht ins Bett. Das war raffinierter, da war ich dann nicht alleine beim Schuheputzen. Alleine in diesem Raum zu sitzen - das wei├č ich zum Beispiel - , das war f├╝r mich unertr├Ąglich. Unertr├Ąglich fand ich das, in einem Raum, in dem die T├╝ren zu waren, alleine zu sitzen. Weil, - du warst ja sonst immer mit allen Kindern zusammen. Und dann dieses ausgegrenzt sein. Du musstest alleine sitzen. Auch wenn das nur f├╝r ne halbe Stunde so war, das war eine der schlimmsten Strafen f├╝r mich ├╝berhaupt. Da habe ich heute noch Last mit. Ich mag bis heute noch keine geschlossenen T├╝ren, keine geschlossene R├Ąume.

 

War das so, dass Du auch auf der M├Ądchenstation, auch als Kind Angst hattest?

Ja.

Hattest Du ab und zu Angst?

Ne, sehr h├Ąufig. Weil es waren gro├če R├Ąume, es waren viele Ger├Ąusche da und es war diese doofe Martha, die immer mal wieder da stand mit ihrem Rohrstock. Und du musstest ganz leise sein. Du wusstest genau, wenn du jetzt nicht ganz ruhig atmest, dann haut die zu. Das ging ohne Vorwarnung.

Wie oft hast Du durchschnittlich Gewalt an Dir erlebt? Hat man Dich einmal w├Âchentlich, hat man Dich einmal in einem Jahr geschlagen?

Ne, das war schon regelm├Ą├čig so, je nach Laune und Stimmung, die sie hatten, so einmal die Woche. Wenn die Martha da stand, du unterh├Ąltst dich als Kind - das f├Ąllt dir gar nicht so auf - oder fl├╝sterst mal, die hatte Ohren wie ein Luchs. Und dann war dieser Rohrstock, und das habe ich auch in Erinnerung behalten, total lang f├╝r mich. Die stand in der T├╝r, wollte jemand anderen treffen, traf aber mich, weil mein Bett dazwischen stand. Das waren ja sieben Betten auf einer Seite, und auf der anderen standen, glaub ich ... Wir waren insgesamt elf oder zw├Âlf, meine ich. Das war schon heftig.

 

Diese Puppe, von der Du eben erz├Ąhlt hast, durftest Du die behalten?

Meine Puppe kam weg, meine Puppe verschwand, da war ich vielleicht ein Jahr in Volmarstein. Ich konnte meine Jutta nicht mit nach Hause nehmen, weil Oma meinen Koffer tragen musste und mich tragen musste. Und f├╝r meine Jutta war kein Platz. Und ich hab sie also auf mein Bett gesetzt. Wir mussten unsere Betten ja selber machen und wir hatten ja auch unsere Nachttischchen, wo wir unsere Habseligkeiten, wenn es denn welche gab, drin waren. Und ich hab Jutta aufs Bett gesetzt und ich bin nach den Sommerferien wieder zur├╝ck, habe mich wahnsinnig auf diese Puppe gefreut. Die hat meine ganze Kindheit begleitet. Und Jutta war weg. Dann hat meine Gro├čmutter gefragt, wo diese Puppe ist. Der war das auch aufgefallen, als sie meine Sachen einr├Ąumen wollte. ÔÇ×Ja, die haben wir weggeschmissen, die war ja kaputt.ÔÇť Die war ja auch kaputt, das stimmt, die hatte die Fersen angeknabbert, die hatte keine Finger mehr. Aber die war mit mir in jedem Krankenhaus gewesen. Die hat alles mit mir erlebt. Die Puppe war nicht mehr da. Da habe ich dann auch f├╝rchterlich geweint. Ich glaube, meine Oma hat dann gesagt, ich kauf  dir eine neue. Elise hat dann auch noch mit meiner Oma diskutiert. Das Gespr├Ąch wei├č ich nicht mehr. Aber das war ja nicht mehr meine Jutta, da gab es keinen Ersatz f├╝r. Ich wollte diese Puppe wiederhaben, so ramponiert wie die auch aussah. Die hat mich ja begleitet, von meinem zweiten Lebensjahr an, von einer Operation zur n├Ąchsten. Ich bin ja auch, wo ich noch zu Hause war, ziemlich oft operiert worden, aber die war immer da. Und die Idioten da, nehmen die und schmei├čen die in die M├╝lltonne. Das ist etwas, das fand ich unheimlich grausam. Ich hatte nichts mehr, woran ich mich festhalten konnte. Ich hab meiner Jutta erz├Ąhlt, dass ich nach Hause will, weil ich es da nicht aushalte. Jutta wusste immer alles. Wenn diese Puppe h├Ątte reden k├Ânnen, da h├Ątte man das ein oder andere auch besser verstanden vielleicht. Aber die war ganz ganz wichtig f├╝r mich.

 

Wie lange haben sich diese Gewaltt├Ątigkeiten im Johanna-Helenen-Heim an Dir hingezogen?

Bis 1964 glaube ich.

Da warst Du 11?

Ja, ich kam damals, bis die Oberlin-Schule gebaut wurde, nochmal f├╝r eine gewisse Zeit ins Margarethenhaus [Ehemals Lehrlingsheim f├╝r weibliche Behinderte]. Ich wei├č nicht, wann die Elise und die Martha wegkamen, da kann ich mich nicht mehr dran erinnern. Ich wei├č, wir wurden aufgeteilt in verschiedene H├Ąuser, so dass vom Johanna-Helenen-Heim auch Kinder ins Margarethenhaus kamen. Ich bin vom Margarethenhaus dann in die Oberlin-Schule gegangen.

Das Personal vom Johanna-Helenen-Heim kam aber nicht mit ins Margarethenhaus?

Die verschwanden auf einmal. Auf wundersame Weise waren die alle weg. Also, das wei├č ich.

Wenn Ihr sieben Kinder auf der einen Schlafzimmerh├Ąlfte und sieben auf der anderen Seite ward, habt Ihr denn da Gelegenheit gehabt, Euch zur├╝ckzuziehen?

Du hattest ja nur Dein Bett und einen Nachttisch, wo evtl. mal gerade... wenn in dem Nachtisch ├╝berhaupt etwas drin war. Das wurde ja alles unterbunden. Wir durften ja noch nicht mal miteinander reden.

 

Viele Kinder haben dar├╝ber berichtet, dass sie sich sehr gesch├Ąmt haben, wenn die Badetage waren. Wie hast Du diese Tage empfunden?

Die waren grausam. Erstmal waren immer mehrere in diesem Raum und wer zieht sich schon gerne voreinander aus? Dazu kam, dass diese Schwestern uns ja waschen mussten von oben bis unten. Es musste ja alles gr├╝ndlich sauber sein. Ich wei├č nicht, ob es ├ťbergriffe waren, es war einfach nur... nicht gut. Es war nicht gut, nein. Die haben nat├╝rlich ├╝berall jede Ritze nachgeguckt und gewaschen, mit dem Waschlappen, ob es immer nur der Waschlappen war, wenn du dich nicht bewegt hast, kriegst du das ja gar nicht mit.

Hattest Du das Gef├╝hl, dass die sich f├╝r bestimmte K├Ârperteile besonders interessieren?

Manchmal hatte man diesen Eindruck, ja.

Und wie hat sich das gezeigt?

Ja, weil die besonders gewaschen wurden. Und das drei- vier mal. Da m├╝ssen wir ja noch mal gucken, da k├Ânnte ja noch was sein. So in die Richtung. So habe ich das gesehen.

Wurden denn nur Gleichaltrige ins Bad getan?

Nein, nein, das waren auch manchmal die Gro├čen. An zwei kann ich mich erinnern. Die eine sa├č dann auf der einen Seite der Wanne und wurde gewaschen, ich auf der anderen. Es war nicht so, dass sich die Kleinen alleine Waschen konnten und die Gro├čen f├╝r sich. Es waren ja auch, glaube ich, 22 Waschbecken da. Dann standen wir morgens schon wie die Orgelpfeifen da.

Was habt Ihr denn benutzt, um Euch a) zu waschen und b) um Euch die Z├Ąhne zu putzen.

Es gab Zahnb├╝rsten und Bambusbecher. Und auch Zahnpasta, die wurde jeden Abend schon auf die Zahnb├╝rsten verteilt. Wir hatten jeder unsere Handt├╝cher, wir hatten auch Waschlappen. Jeder hatte eine Nummer und hatte auch nur dieses Waschbecken zu benutzen. Ich hatte zum Beispiel die Nummer 18.

Und diese Seife?

Die war gestellt. Ich wei├č jetzt nicht ob es Palmolive war oder ob es Kernseife war. Ich wei├č, wir hatten Shampoo aus Tuben und dieses Shampoo landete auch schon mal auf der Zahnb├╝rste im Waschraum f├╝r alle. Das war ein leckerer Geschmack, das sag ich Dir.

Ihr als kleine Kinder habt Euch nat├╝rlich gesch├Ąmt. Hast Du denn das Gef├╝hl gehabt, dass die Gro├čen sich auch gesch├Ąmt haben?

Also ich wei├č nicht, wenn du so als 15j├Ąhrige so von einer 11 oder 12j├Ąhrigen auf die Toilette gesetzt werden musst und hast das erste mal deine Blutung, das ist f├╝r beide sehr unangenehm. Ich musste Ch. auf die Toilette helfen bzw. damals konnte sie teilweise noch stehen. Und ich habe mich f├╝rchterlich erschrocken, da war ├╝berall Blut, ich wusste gar nicht, was passiert war.

Da warst Du?

Elf. Das wird f├╝r Ch. unangenehm gewesen sein, aber wir waren ja aufeinander angewiesen, weil, sonst kamst du ja noch nicht mal auf Toilette, wenn Du musstest. Wir durften ja nur dreimal am Tag.

Und wie konntest Du ihr helfen?

Immer wenn sie mich gefragt hat, bin ich mit ihr auf Toilette. Sie hinzustellen, umzudrehen, gucke, da├č die R├Âcke alle hochkamen. Die wurden auch schon mal nass, weil, die Kraft besa├č ich ja gar nicht. Wenn sie das Gef├╝hl hatte sie musste aufs Klo, bin ich mit. Wir haben schon versucht, uns untereinander zu helfen. Weil, manchmal ging es ja gar nicht anders.

Hat denn da ├╝berhaupt eine Hilfsbereitschaft bestanden?

Also, wir Kinder unter uns, soweit wir konnten, wei├č ich wohl, dass wir versucht haben, uns zu helfen. Ob das morgens nach dem Aufstehen war, Schienen anziehen, die Schwestern kamen gar nicht nach. Die waren, glaube ich, sogar darauf angewiesen, dass wir ihnen helfen.

Wie ist denn die Hierarchie gewesen? Hat es behinderte Kinder gegeben, die auf andere behinderte Kinder losgegangen sind?

Ja, da gab es auch Reibereien. Ich wei├č, Bettina und ich, wir waren uns nie gr├╝n. Ich wei├č bis heute nicht, warum. Wir waren jung. Wir haben uns angeguckt und dann... Also ich kenne Bettina nur als ziemlich rabiat und damals war ich noch sehr ruhig. Die war auch ├Ąlter als ich, die war schon 9.

 

Wie hast Du  Rektor F. kennengelernt?

Der war Rektor an der Schule.

Wann kamst Du zu ihm hin?

1964. Er machte eigentlich am Anfang einen sehr netten Eindruck.

Du kamst ins Oskar-Funke-Haus. War er da schon da?

Nein, wir hatten erst einen anderen Rektor im Oskar-Funke-Haus. Der [F.] kam anschlie├čend. Er war dann Rektor, war relativ freundlich, relativ aufgeschlossen, also so, da├č wir ihn als Rektor anerkannt haben. Er konnte einem gut etwas beibringen. Wirklich, das konnte er, da hatte er wirklich ein H├Ąndchen f├╝r. Warum er sich dann im Endeffekt an den M├Ądchen oder Jungen vergangen hat, mit der Zeit, das wei├č ich nicht. Ich wei├č, dass es mehrere waren und nicht gerade wenige und ich wei├č, dass wir damals gut 2 Jahre geschwiegen haben. Aus Angst, man w├╝rde uns nicht glauben. Aufgrund dessen, dass uns sowieso schon so viel da passiert war, haben wir erst einmal geschwiegen. F. war allerdings auch so raffiniert, dass er, zumindest hat er das mir, somit wird er das auch bei anderen gemacht haben. Er hat uns ein Sparschwein angeboten, mir jeden Monat da 10 Mark angeboten. 10 Mark waren ja damals wahnsinnig viel Geld gewesen, aber ich darf von unserem Geheimnis niemandem etwas verraten. Erst mal wusste ich gar nicht, was er damit veranstalten wollte, oder was das soll. Ich war f├╝rchterlich erschrocken und ich kann im Nachhinein nur sagen, ich war ausgesto├čen. Sagen wir mal so, ich musste ja nachmittags zum Sprachunterricht. Ich hatte zwar kein Stotterproblem, aber ich hatte ein anderes Problem. Er gab ja nachmittags Sprachunterricht bei Verschiedenen, nicht nur bei mir, und dann bin ich da auch hin. Ich dachte mir, der ist ja gut, der hilft. Der ist ja auch als Rektor gut, dann gehe ich auch dahin. Das hat aber nicht lange gedauert, ich glaube, ich war ein viertel Jahr bei ihm. Dann fing das so an mit seinen ├ťbergriffen.

Fing das so nach und nach an?

Ja, ja. Das war nicht mit einem Mal. Der hat so nach und nach, geguckt, wie weit kann ich denn.

Kannst Du Dich daran erinnern, wie viele Jungen da involviert waren?

Das kann ich Dir nicht sagen, ich wei├č nicht, wie viele.

Wie viele M├Ądchen etwa?

Ich glaube 8 M├Ądchen waren das, die dann was gesagt haben.

Und in welchem Alter?

11 bis... Was vorher war, ob die j├╝nger waren, wei├č ich nicht. Wir haben ja auch untereinander dieses Thema gar nicht angesprochen. Wir haben gar nicht miteinander dar├╝ber gesprochen, auch wir M├Ądchen nicht. Weil du einfach nur Angst hast oder dich gesch├Ąmt hast.

Was hast Du denn geh├Ârt, wie die ├ťbergriffe bei den anderen M├Ądchen stattgefunden haben?

Sagen wir mal so, er hat angefangen mit harmlosen Doktorspielchen, um einfach mal zu gucken. Ist dann aber relativ schnell bis zum Ende vorgedrungen. Die eine hat er nur geknutscht, mit einer anderen hatte er auch Geschlechtsverkehr gehabt. Und es war ihm egal, ob Junge oder M├Ądchen. Als ich dann wusste, was er von mir wirklich will, bin ich auch zum Sprachunterricht nicht mehr gegangen. Ich habe abgeblockt, ich habe gesagt, ich bleibe bei meinem Problem. Es war ja kein Zwang. Bei mir hat sich das im Nachhinein auch so ge├Ąu├čert, dass ich ihm nicht mehr alleine begegnet bin. Ich habe einen Riesen-Bogen um diesen Mann gemacht, ├╝ber 2 Jahre lang. Ich bin nicht alleine ins Lehrerzimmer gegangen, ich hatte ├╝berall eine Ausrede. Ich hatte immer jemanden mit.  

Willst Du dar├╝ber sprechen, wie die sexuellen ├ťbergriffe Dir gegen├╝ber ausgesehen haben?

Erst einmal hat es mir Angst gemacht. Ich wusste nicht, was er von mir will, ich habe gar nicht verstanden, was abgeht. Wie gesagt, ich hab dann auch sehr schnell reagiert, hab gesagt, ich geh da nicht mehr hin, weil ich wusste ganz genau, dass vor meinem Sprachunterricht ... er zieht das wieder durch. Ich wei├č, dass es mich auf die Dauer belastet hat. Mehr, als ich als Kind vielleicht Erinnerungen dran hab. Was ich sehr grausam fand, ÔÇô er kam mir vor wie ein Riesenkerl, so dieser H├Âhenunterschied; er hat ja seine Versprechen [siehe Spardose] formuliert, aber immer mit so einem Unterton, dass, wenn wir nicht schweigen, er uns auch was ganz, ganz b├Âses antun w├╝rde, oder uns w├╝rde auch keiner glauben. Das fand ich dann im Endeffekt auch sehr erschreckend. Also, sexuelle ├ťbergriffe, das hat angefangen ÔÇô ich mach ganz kurz, ich kann einfach noch nicht dr├╝ber reden ÔÇô es fing an mit einer Knutscherei, er griff an den Busen, er ging Dir untern Rock, bis er dann endlich das tat, was ... war. Es war nicht sch├Ân, es hat mir weh getan und es hat mir eine Heidenangst eingejagt.

 

Welche Auswirkungen hatten denn diese Schandtaten hinterher in Eurer Beziehung?

Da k├Ânnte eigentlich mein Mann was zu sagen. Also wir schlafen schon miteinander, aber nicht sehr oft. Es ist nicht so, dass ich nicht gerne mit ihm schlafe. Das ist es nicht, dass tue ich eigentlich sehr gerne. Aber ich kann es nicht immer. Und dann kenne ich ... und dann sehe ich die Ursachen in dieser alten Geschichte. Aber nicht nur. Ich meine, er ist ein Mann mit einer Engelsgeduld und das ist auch gut so. Aber ich hab ihm das zum Beispiel nie erz├Ąhlt. Wenn das jetzt nicht durch diese Aufarbeitungsgeschichte mit Volmarstein gewesen w├Ąre, - ich h├Ątte ihm das nie gesagt. Da hab ich ganz einfach geschwiegen. Ich glaub aus Scham. Weil, ich wei├č nicht, so als 11j├Ąhriges oder 12j├Ąhriges M├Ądchen dachtest Du, Du bist vielleicht doch selber Schuld gewesen. Obwohl, dass kann ich mir nicht vorstellen, ich war noch viel zu kindlich. Ich hatte ja keine Ahnung, was der ├╝berhaupt will.  

Ihr habt nicht die Sexualit├Ąt, die ein Paar haben w├╝rde, wenn es diese Erlebnisse nicht gegeben h├Ątte.

Bin ich von ├╝berzeugt.

Ist es dann so, dass Du in diesen Augenblicken an die ├ťbergriffe denkst?

Ich glaube schon, dass es eine Ursache spielt. Irgendwann taucht dann eine Blockade auf und dann ... Wenn mein Mann mich nicht so lieben w├╝rde, w├╝rde er es gar nicht ertragen. Einfach ist es nicht. Ich w├╝rde es ganz gerne in eine andere Richtung schieben. Ich wei├č nur nicht, wie ich das machen soll.

Habt Ihr Euch einmal ├╝berlegt, zur Eheberatung zu gehen?

Ich glaube, eine Eheberatung hilft mir da nicht. Ich habe hier bei Dir keine Schwierigkeiten dar├╝ber zu reden. Das liegt aber auch daran, dass wir uns gut genug kennen und Du selber mit in Volmarstein warst und Du Dir unheimlich viel Zeit nehmen kannst. Ich glaube nicht, dass ich mich anderen gegen├╝ber so ├Ąu├čern k├Ânnte. Wenn man mich so sieht, denkt man, die kann reden und das macht sie und das tut sie. Das tue ich ja auch, aber es ist schon viel, was da irgendwo sitzt, ja. Wenn er dann merkt, es geht nicht, dann sagt er auch, ist ok, dann probieren wir was anderes oder ich sag einfach, komm, lass mich zufrieden.

 

Haben Euch diese 3 Jahre Aufarbeitung durch unsere Gruppe geholfen? So wie ich Dich verstanden habe, hast Du ihm ja vorher von diesen sexuellen ├ťbergriffen ├╝berhaupt nichts erz├Ąhlt.

Sagen wir mal so, ne, dass stimmt nicht. Solange Volmarstein f├╝r mich hinterm Berg verschwunden war ÔÇô und ich wohne ja direkt daneben ÔÇô hab ich das auch relativ gut versteckt gehabt. Es hat mich nicht gro├č belastet, ich habe vielleicht gemerkt, halt stopp, das m├╝sste jetzt vielleicht ein bisschen anders sein, aber da hat unsere Sexualit├Ąt noch besser funktioniert, als in den letzten 3 ┬Ż Jahren. Aber mit dem ersten Lesen des Namens F. - dass war mir hier oben nicht bewusst ÔÇô hat es Klick gemacht. Und dann fing es an. Und dann fing auch die Spannung an. Wir hatten vorher eigentlich eine relativ gesunde Sexualit├Ąt. Ich glaube schon, dass es bei mir so ein Ausl├Âser war. Allein dieser Name - und dann war alles wieder da.

Wie haben Dir diese vergangen drei Jahre geholfen?

Geholfen insofern, dass ich heute wei├č, man kann es verarbeiten. Es gibt noch einige, mit denen man reden kann, wenn es mal brenzlig wird. Und ich sag heute, dass es auch die ├ľffentlichkeit erfahren kann ÔÇô zumindest einen Teil der Geschichte. Nicht alles. Es gibt gewisse Sachen, wo ich einfach sage, die sollen das nicht wissen. Will ich nicht. Aber da komme ich sp├Ąter noch mal drauf.

Ich habe geh├Ârt, dass der Rektor [hier wird die Frage nach einer besonderen Abartigkeit gestellt, die f├╝r die Ver├Âffentlichung nicht geeignet ist]. Hast Du das auch gesehen?

Nein. Ich find so was pervers, ich hab davon geh├Ârt, dass er so was gemacht hat, aber ich selber habe es ja nicht erlebt. Ich hab ja f├╝r mich nur den sexuellen ├ťbergriff an mich erlebt, weil wir untereinander ja gar nicht geredet haben.

Wieviel Jahre haben sich die├ťbergriffe hingezogen?

Zwei, drei Jahre bestimmt.

Vom elften bis dreizehnten Lebensjahr?

Genau.

War es ab und zu?

Wenn er konnte, regelm├Ą├čig, wenn du bei ihm warst.

Wie oft?

Ich hatte montags und mittwochs Sprachunterricht. Ich glaub, mitgespielt habe ich so ÔÇô ist jetzt der falsche Ausdruck, aber Du wei├čt, was ich meine ÔÇô ich bin vielleicht so vier, f├╝nf Monate hingegangen und hab dann irgendwann gesagt, ich brauche keinen Sprachunterricht mehr. Hab aber auch nicht den Mut gehabt, mich irgendwem anzuvertrauen.

Auch nicht irgend einem Mitsch├╝ler oder Mitsch├╝lerin?

Ne, ich sag ja, wir haben geschwiegen. Zu dem Zeitpunkt hat er ja auf der einen Seite Versprechungen gemacht, dass wir Geld kriegen, ÔÇô das haben wir nie gesehen. Auf der anderen Seite war dieser Druck, wenn wir was sagen, wer glaubt uns?  Ich wei├č z.B. noch, ich kann mich gut daran erinnern, wie es zur Verhandlung kam. Und dann war es ja ein Heidenaufwand in der Oberlinschule, weil wir ja alle vernommen wurden oder sollten. Alle, die zumindest Erinnerungen daran hatten. Mit dem Unterschied, wir brauchten - oder wer nicht konnte - nicht vor Gericht gehen. Und dann wurden wir M├Ądchen ja alle einzeln gefragt auf der Gruppe. Frau G.wusste davon auch nichts. Noch nicht mal der habe ich mich anvertraut. Und das ist f├╝r mich eine Vertrauensperson gewesen. Aber da war entweder mein Schamgef├╝hl so gro├č oder ... ich kann es nicht nachvollziehen. Aber ich wei├č, dass sie mich damals auch gefragt hat. Und ich hab dann gesagt P├╝h. Ich bin ja nicht mehr zum Sprachunterricht gewesen und das ist ja auff├Ąllig gewesen und ich hab dann gesagt, ich brauch den nicht. Ich meine, das Stolpern ├╝ber mein ÔÇ×sÔÇť kann ja bleiben. Ich hatte ja sonst keine Schwierigkeiten. Wenn man jetzt so ein bisschen ... dann h├Ątte man ja von selber drauf kommen k├Ânnen; Komisch, die ist doch sonst immer hingegangen. Aber ich hab um diesen Mann, bis zu seiner Verhaftung, einen riesen Bogen gemacht.

 

Kannst Du Dich noch daran erinnern, wann die Verhaftung gewesen ist?

Ich ├╝berleg die ganze Zeit. Ne, dass wei├č ich nicht mehr.

Und wer hat Euch dann hinterher befragt?

Das waren Kriminalbeamte. Das waren Frauen. Jeder musste ins B├╝ro runter und wurde dort befragt: ob und inwiefern und was. Allerdings wollte ich dann nicht vor Gericht. Ich wollte dem Mann nicht noch mal gegen├╝berstehen. Was da an Aussagen gelaufen ist, kann ich Dir im Einzelnen nicht sagen. Jeder hat ja seine eigene Geschichte gehabt. Aber was rausgekommen ist, ist, dass er einige Spielchen getrieben hat. Und die waren nicht immer sch├Ân. Brigitte W., die wusste das auch. Aber die hat ... ich glaub, die war auch noch bei dem Gerichtstermin dabei.

Irgendeiner hat berichtet, dass sogar auf den Freizeiten...

F. mit seinem Sohn. Der Kleine ...

Ja, aber wo haben denn da ├╝berhaupt die ...

Ach, dass war doch ein Bauernhof, es gab doch die Scheunen und Schober, in Lenze, da wo wir waren diese drei Wochen. An der Ostsee. Da war keine Frau mit, da war sein ├Ąltester Sohn mit.

Und da hat er Dir gesagt, dass Du zum Heuschober ...

Ne, mir nicht. Bei mir nicht mehr. Ich wusste das. Da habe ich einen riesen Bogen um ihn gemacht, weil er mir Angst gemacht hat. Immer wenn ich mit dem alleine bin, ... was h├Ątte ich denn machen sollen. Schreien kannst Du da nicht.

 

Und wie war Dein Gef├╝hl, nachdem Du mit F. jeden Kontakt ohne Begleitung vermieden hast und darum keine sexuellen Attacken mehr ertragen musstest, wie f├╝hltest Du Dich, wenn Du ihn gesehen hast?

Ich hab mich sehr gesch├Ąmt und ich hatte Angst vor ihm. Ich hab mich f├╝r mich gesch├Ąmt und ich hatte eine Heidenangst. Wie gesagt, ich bin ja, wenn ich ihm begegnen musste, immer nur noch zu zweit zu ihm hin, weil ich immer gedacht habe, wenn der mich alleine erwischt, wer wei├č was dann ... dann bist Du wieder dran.

Haben andere Mitsch├╝ler sp├Ąter mal mit Dir dar├╝ber gesprochen?

Nein, wir waren alle erstaunt auf der Gruppe, wieviel M├Ądchen wir doch waren, die betroffen waren. Wir haben miteinander nicht geredet, das war kein Thema, f├╝r keinen von uns. Ich wei├č, R. war involviert, A.[Vergewaltigungsopfer, darum Namen drastisch gek├╝rzt] war involviert, die sind ja auch alle, von Volmarstein weggekommen. Auf andere Heime verteilt. Und da ich schon so lange Zeit in Volmarstein war, hat man mich nat├╝rlich gefragt - ich kann mich daran erinnern ÔÇô ich habe gesagt, ne, ich will hier meine Schule zu Ende machen. Also die paar Jahre mehr halte ich auch noch durch. Weil, das ist ja f├╝r mich dieser Widerspruch: Volmarstein hat mir ja nicht immer gut getan, aber es war gleichzeitig auch Zuhause. Weil, mein Zuhause gab es ja f├╝r mich nicht mehr. Meine Mutter hat mich da oben abgeliefert, war wieder weg und gesagt, sieh mal zu, dass Du Deine Schule, Deine Ausbildung machst und nach Deiner Ausbildung kannst Du wieder nach Hause kommen. Obwohl sie von den Eskapaden wusste, von meiner Gro├čmutter her, die hat ja ... die f├╝hrte uns ja damals den Haushalt. Aber meine Mutter ist da nie selber eingeschritten.

 

Wenn Du die Begriffe ÔÇ×Johanna-Helenen-HeimÔÇť und ÔÇ×FreiheitÔÇť h├Ârst, was f├Ąllt Dir dann ein?

Freiheit war f├╝r mich im Johanna-Helenen-Heim vielleicht die halbe Stunde an der frischen Luft, drau├čen auf dem Hof. Weil, da konnte man durchatmen, da war nicht ....

Wie gro├č ist der Hof etwa gewesen?

Also, f├╝r mich war er als Kind sehr gro├č. Wie gro├č ist der? Der ist nicht gro├č gewesen, aber als Kind war der riesig. Ich wei├č auf der linken Seite, als wir zur Haust├╝r rauskamen, waren links die Jungs und rechts die M├Ądchen verteilt und man hatte den Blick auf den Friedhof. Konnte man ja nicht ├Ąndern. Aber sehr gro├č war der nicht. Nur, das war Freiheit, ich war ja nicht eingesperrt, man konnte sich mal ein bisschen bewegen und sei es nur auf dem bl├Âden Kletterger├╝st hin und her. Weil, mehr M├Âglichkeiten hatten wir da ja nicht. Wir hatten ja kaum was zum Spielen.

 

Viele haben erz├Ąhlt, es habe schlechtes Essen gegeben. Was kannst Du dazu erz├Ąhlen?

Ich m├Âchte mein Erbrochenes nicht wieder essen m├╝ssen. Es waren dicke Bohnen. Immer wieder dicke Bohnen. Wenn es die gab, dann ... und ich krieg die bis heute nicht runter. Oder Milchreis. Und Wassersuppe mit Fleischwurst ... bitte nicht. Wenn er [ihr Mann]sich ÔÇô nur mal ein Beispiel ÔÇô Wenn wir einkaufen gehen und ich wei├č, er  holt sich einen Kringel Fleischwurst, dann stehen mir die Nackenhaare hoch. Er sagt dann immer, ist doch lecker, aber ich kann es nicht essen. Das Essen von Volmarstein war das allerletzte.

Wenn Du erbrochen hast, ...

Ja, ist so. Du wurdest gef├╝ttert mit dem Zeug. Auf dem Fu├čboden.

Wer?

Ich glaube Elise. Ich kann mich noch dran erinnern, weil meine Gro├čmutter mal zuf├Ąllig dazu kam und mich abholen wollte in die Ferien und die kam immer so, wenn Mittagszeit war. Und das war ÔÇô soviel ich wei├č ÔÇô ein Freitag und es gab dicke Bohnen mit diesem ekeligen Zeug und ich hab die Bohnen ja immer so an die Seite geschoben, es ging ja gar nicht. Und dann habe ich sie mir runtergew├╝rgt und die kamen wieder zur├╝ck und Elisa kam nat├╝rlich gleich wieder an: Auf den Boden, H├Ąnde auf den R├╝cken ÔÇô ich glaub da war noch jemand zweites dabei ÔÇô und schaufelte mir das Zeug wieder rein. Und dann ging die T├╝r auf und meine Gro├čmutter stand in der T├╝r und sah mich da liegen. Die hat ja direkt gedacht, ich bin gefallen oder so, die hat das gar nicht realisiert. Bis sie gesehen hat, was Sache ist. Und dann hat sie sich auch beschwert bei der langen D├╝rren. Wie hie├č sie? Elfriede? Dass das ja wohl unm├Âglich w├Ąre; und Elfriede hat dann gesagt, ja, ich k├╝mmere mich drum, dass geht ja auch nicht, ich [Elfriede] wusste das nicht. Obwohl sie alles wusste. Die war nicht doof.

Was mir sehr stark in Erinnerung geblieben ist, dass wir aussortiert worden sind in gute und schlechte Esser. Wir hatten einen Katzentisch. Ich habe mehr an diesem Katzentisch gesessen als an allen anderen Tischen.

 

Wie ist denn Dein Verh├Ąltnis zu den Diakonischen Helferinnen gewesen?

Also ich wei├č, hier die Christel, die uns damals im JHH betreut hat, die ist nie b├Âse gewesen.

Und wen habt ihr sonst noch gehabt?

Ich wei├č nicht, ich kann mich nur an Christel erinnern. Da waren f├╝r mich Elise, Martha, Christel, ich wei├č nicht, wer da sonst noch rumsa├č. Ich wei├č, dass ihr auf Seiten der Jungen noch sehr viel mehr Personal hattet.

Gibt es irgend etwas aus dieser Zeit, was Du als sch├Ân empfunden hast?

Die Zeit an der Oberlinschule. Ans Johanna-Helenen-Heim m├Âchte ich nie wieder zur├╝ckdenken m├╝ssen.

Waren denn da nie sch├Âne Augenblicke?

Vielleicht zu Weihnachten, wenn wir Geschenke kriegten, wenn der Tisch festlich gedeckt war, oder wir in der Laienspielgruppe unseren Auftritt hatten. Aber sch├Ân, dass kann ich nicht sagen.

 

Ich wiederholte nun eine Frage, die sie zuvor mit einer K├Ârperbewegung beantwortet hatte, wobei die Antwort ganz klar als ÔÇ×JaÔÇť zu verstehen war. Allerdings machte ich ihr begreiflich, da├č im Rahmen einer schriftlichen Dokumentation die Antwort klar artikuliert werden m├╝sse:

Hat Geschlechtsverkehr stattgefunden?

Kopfnicken.

War dieser h├Ąufig?

Jedes mal, wenn er konnte und wir uns gesehen haben. Deswegen hatte ich ja immer unheimliche Angst, ihm alleine zu begegnen.

Wie war das Gef├╝hl nach seiner Verhaftung?

Erleichterung. Ich konnte durch die Schule laufen, durch die Aula, ins B├╝ro gehen, wieder unsere B├╝cher holen ÔÇô da war keiner mehr, der ... wo die Angst weg war.

Wie empfindest Du heute ├╝ber ihn?

Ich hoffe, dass er nicht sehr alt geworden ist. Und sonst w├╝nsche ich ihm noch heute die Pest an den Hals.

 

Kannst Du Dich erinnern, als wir uns damals im Hermann-Luisen-Haus nach Jahrzehnten getroffen haben? Du hast damals was gesagt, was mich bis heute besch├Ąftigt und wir sind dabei, heute auch diesbez├╝glich etwas zu tun. Da hast Du eine bestimmte Angst formuliert. Kannst Du diese noch einmal wiedergeben?

Da├č ich nie wieder in einem Heim enden will, ja. Nein, das mache ich nicht, da springe ich lieber von der Br├╝cke.

Welche Hilfen k├Ânntest Du Dir denn vorstellen, damit Du nicht in ein Heim brauchst?

Erst einmal m├╝sste man das finanziell kl├Ąren, denn soviel Einkommen kann man ja gar nicht herbeischaffen, um mich da abzusichern. Auf der anderen Seite w├╝rde ich schon meine eigenen vier W├Ąnde w├╝nschen, in die ich mich zur├╝ckziehen kann. Ich wei├č nicht, ob ich heute schon in der Lage bin, mit anderen zusammenzuleben, ohne R├╝ckzugsm├Âglichkeit. Wenn ich, glaube ich, eine R├╝ckzugsm├Âglichkeit h├Ątte, f├╝r mich selber, weil ich die letzten Jahre auch f├╝r mich selber zust├Ąndig war, dann ja. Aber was ich nicht m├Âchte, ist dieses Gef├╝hl zu haben, die sitzen Dir im Nacken. Ich dr├╝ck es wahrscheinlich falsch aus, aber Du wei├čt, was ich meine. Das m├Âchte ich also nicht.

K├Ânntest Dir so etwas vorstellen wie Behindertenassistenz, wenn Du beispielsweise nicht mehr einkaufen gehen kannst  und so was...

Ja! Damit ich dann in meinen eigenen vier W├Ąnden bleiben kann. Das w├Ąre nat├╝rlich noch besser.

K├Ânntest Du Dich auch mit dem Gedanken anfreunden, dass die Anstalten in Hagen, in unmittelbarer Umgebung der Fu├čg├Ąngerzone, ein Haus f├╝r Ehemalige anbietet, wo jeder seine eigene Wohnung hat, sagen wir 40 bis 60 qm, wo dann aber auch rund um die Uhr Assistenz zur Verf├╝gung steht?

Ich glaub im Endeffekt, wennÔÇÖs gar nicht anders ginge, ja. Aber das wichtigste ist, dass diese Angst im Nacken weg ist.

Also, f├╝r Dich ist es ├╝berhaupt nicht vorstellbar, dass Du eines Tages ins Altersheim gehst?

Heim ├╝berhaupt nicht. Ich hab auch heute zum Teil in unserer Gesellschaft das Gef├╝hl, da hat sich leider Gottes nicht viel ge├Ąndert. Und muss ich das im Alter wieder haben? Ich hab mich gerade erst einigerma├čen freigeschwommen. Du wirst nicht j├╝nger, ich werd nicht j├╝nger. Sagen wir mal, ich werde in drei Jahren auch 60, aber ich fang doch dann nicht da wieder an, wo ich mit 15 aufgeh├Ârt habe ... ne, das schaffe ich nicht. Ich hab das auch damals so meinem Hausarzt gesagt. Ich bin ja, vor 3 Jahren, als alles wieder hoch kam, zu meinem Hausarzt gegangen und hab ihm es erz├Ąhlt. Soweit wie ich konnte. Und dann kam das erste: Warum kommst Du jetzt erst an damit? Er hat mir dann ne ganze Weile mit Medikamenten geholfen, damit ich erst mal so innerlich wieder einen gewissen Pegel erreichen konnte. Und zu dem habe ich auch gesagt: Im Leben kann so einiges passieren, aber ich gehe nie wieder in so einen Bunker. Und da hat er gesagt, dass er mit daf├╝r sorgen w├╝rde, dass ich es nicht brauch.  Ich hoffe und w├╝nsche mir auf der anderen Seite f├╝r uns, dass wir ein recht langes Leben haben und dass man sagt, Dich stecken wir nirgendwo mehr hin. Das geht ja gar nicht. Aber wir wissen alle nicht, was kommt. Es kann in Null-Komma-Nix was ganz anderes da sein. Also sagen wir mal so: Ich k├Ânnte mir ... vielleicht ... aber nicht betreuen, allein das Wort. Man hat mich lang genug betreut. Nein, aber wenn das so ist wie Du sagst, wenn dann Hilfe da ist, wenn man sie braucht und zur Not rund um die Uhr, dann ja, aber sonst m├Âchte ich f├╝r mich meinen eigenen privaten Bereich haben.

Wir haben ja durch die Historiker und durch unsere Aktivit├Ąten klar machen k├Ânnen, dass in Volmarstein nicht nur Liebesentzug ÔÇô wie Pastor Springer einmal formuliert hat ÔÇô sondern auch handfeste Verbrechen stattgefunden haben. Und diese an Dir geh├Âren dazu. Was erwartest Du von der Evangelischen Stiftung Volmarstein heute?

Da├č die einfach aus der Geschichte heraus sich auf die Socken machen und f├╝r uns was f├╝rs Alter tun. Die haben f├╝r uns in den jungen Jahren nichts getan. Dann sollen die jetzt was f├╝rs Alter tun.  Weil, wir wissen alle, wo wir sonst enden und ich glaube nicht, dass das irgendwer von uns will. Und zwar ohne Angst im Alter leben zu m├╝ssen. Und nicht sagen zu m├╝ssen, ich krieg da wieder irgendwas, was ich nicht mag und wenn ich nein sage, werde ich zwangsern├Ąhrt mit meinem eigenen Erbrochenen.

Ist das die einzige Erwartung die Du hast, oder ...?

Ich m├Âchte im Alter das, was wir uns erarbeitet haben ... im privaten Bereich .... ich m├Âchte meine Freir├Ąume weiterbehalten. Ich mag keine Einschr├Ąnkungen mehr. Ich wei├č auch nicht, ob ich in der Lage bin, mich soweit wieder zur├╝ckzunehmen. Ich bin bereit, f├╝r alle anderen da zu sein, wenn wir untereinander Hilfe br├Ąuchten, auch in so einem Haus, aber was mir ganz, ganz wichtig ist, ist mein privater Bereich.

W├╝rde Dir eine Entschuldigung auch helfen?

Inwiefern soll mir eine Entschuldigung helfen? Die, die uns das angetan haben, leben nicht mehr. Da kann sich die Evangelische Stiftung entschuldigen. Die k├Ânnen es probieren. Wenn da ├╝berhaupt was kommt. Die h├Ątten uns als Kinder und Jugendliche glauben sollen. Und das ist ja auch das, was ich dem Schmuhl gesagt habe ...

Und eine Entsch├Ądigung?

Wie kann man das entsch├Ądigen? Wie stellst Du Dir das vor f├╝r Dich? Wir wollen ja gar nicht viel, ich will ja nur ein ruhiges Leben ohne gro├če ... ich muss ja nicht Millionen am Hintern haben ...

 

Eine Frage noch: Welches K├╝rzel soll ich in den Bericht schreiben?

Was nehmen wir f├╝r ein K├╝rzel? HB.

Welches Gef├╝hl hast Du, nachdem Du mir das alles erz├Ąhlt hast? Ist das eher bedr├╝ckend, oder..?

Im Moment erst mal Erleichterung. Im Moment. Im Moment f├╝hle ich mich ein bisschen freier, weil einfach mal dr├╝ber gesprochen wurde. Was dann noch kommt, wei├č ich nicht. Irgendwann krieg ich bestimmt wieder eine um die Ohren. Aber damit kann ich umgehen. Also jetzt im Moment ist es wichtig, dass Du es wei├čt und es ist ja auch wichtig.