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Erinnerungen MB

Marianne 1958

Die SchlafsaaltĂŒr ging plötzlich auf und Schwester E. kam herein. Sie stand an meinem Fußende und sagte: „BĂ€rbel ist tot! Man musste ihr die Beine brechen, damit sie in den Sarg passt. Glaub ja nicht, dass du mit zur Beerdigung gehen darfst! Du kannst dich sowieso nicht benehmen!“

Damals wusste ich noch nicht, dass man keine Schmerzen mehr hat, wenn man tot ist. Schwester E. verschwand ohne ein Wort des Trostes. Ich fĂŒhlte mich schrecklich allein. Meine Trauer war sehr groß. Keiner konnte mir helfen.

Am liebsten hÀtte ich vor Kummer laut geschrieen!

Von dieser Zeit an hatte ich mir geschworen, mich nie wieder mit jemandem anzufreunden. Ich lernte nach und nach, weder Trauer noch Freude zu zeigen. Um mich baute ich eine „Schutzmauer“ auf.

Die PrĂ€sidentin des Landtags NRW hat uns die Zustimmung gegeben, ihren Brief an MB vom 23. Mai 2006 zur VervollstĂ€ndigung unserer Dokumentation in diese Homepage einzustellen. Herzlichen Dank fĂŒr diese Zusage.

Der Brief ist am Ende dieser Seite zu finden.

Es war in der Nacht vom 16. auf den 17. Januar 1950. Gegen Mitternacht fuhr meine Mutter mit der Straßenbahn, als plötzlich bei ihr die Wehen einsetzten. Laut Aussagen des Schaffners sei sie ganz dunkel gekleidet gewesen. Man sah ihr nicht an, dass sie ein Kind erwartete. Sie war im achten Monat schwanger.

In den Akten meiner Mutter stand, dass ich am Dienstag, dem 17.01.1950 um 00.10 Uhr in der Straßenbahn geboren wurde.

Meine Mutter gab mir den Namen Marianne, das ging auch aus den Akten hervor. Gerne hÀtte ich gewusst wie sie auf diesen Namen gekommen war.

Man brachte uns in das Aachener Klinikum in der Goethestrasse.

Auf Grund einer schweren Erkrankung und einer zusĂ€tzlichen Behinderung rechnete man damals kaum damit, dass ich ĂŒberleben wĂŒrde.

Im Taufregister stand, dass ich am 19.03.1950 notgetauft wurde. Meine Paten waren zwei Schwestern, die im Klinikum Aachen arbeiteten. Eine davon habe ich spĂ€ter einmal aufgesucht. Über meinen Besuch war sie sehr erbost Sie hĂ€tte nichts mit mir zu tun und ich sollte mich bloß nicht noch einmal bei ihr melden.

Einen Tag nach meinem ersten Geburtstag, am 18.01.1951. bin ich aus dem StÀdtischen Klinikum in ein Waisenhaus verlegt worden, in dem ich auch weiterhin medizinisch und orthopÀdisch betreut wurde.

Im Waisenhaus in Aachen war man der Meinung, die „Volmarsteiner Anstalten“ könnten mir eine bessere medizinische und schulische Versorgung bieten.

Heute weiß ich, dass dies eine der grĂ¶ĂŸten Fehlentscheidungen fĂŒr mein Leben war, denn die fĂŒr mich schlimmste Zeit sollte dann am 02.01.1956 im „Johanna Helenen Heim“ in Volmarstein beginnen.

Eine Sozialarbeiterin brachte mich nach Volmarstein. Ich kann mich noch genau erinnern, wie riesig mir der Zug erschien.

An diesem Reisetag trug ich braune Hosen und einen gelb-braun gestreiften Pullover. Mein einziger Stolz und Besitz war eine kleine braune Handtasche. Den Pullover und auch die Hose nahm man mir gleich am ersten Tag ab. Hosen waren fĂŒr MĂ€dchen in dieser christlichen Einrichtung streng verboten. Ich durfte diese Sachen nie wieder tragen und war sehr traurig darĂŒber. Statt dessen bekam ich alte, gebrauchte Anstaltskleidung. Selbst die schöne UnterwĂ€sche nahm man mir ab. Noch mehr schmerzte es mich, dass man mir meine Handtasche abnahm. Auch diese habe ich nie wiederbekommen.

Schnell machte man mir klar: „Du bist nichts, du hast nichts, und du kannst nichts!“

FĂŒr sehr lange Zeit war das auch so fĂŒr mich.

An meinem rechten Bein trug ich bis zu meinem 10. Lebensjahr eine Schiene mit Beckenkorb. SpĂ€ter hĂ€tte die Muskulatur aufgebaut werden mĂŒssen, was aber nicht in Angriff genommen wurde. Unter den Folgen habe ich heute noch zu leiden.

li: Marianne 1958
unten: Schwester Brunhilde und ich, leider war sie nur einen Monat da.

Volmarstein 1956

Das Johanna Helenen Heim hatte drei Stockwerke. In der unteren Etage befanden sich die KlassenrĂ€ume und die SpeisesĂ€le. Hinter den SpeiserĂ€umen befand sich der Schwestern-Essraum und dahinter das BĂŒro der Oberschwester Elf.

In der mittleren Etage war die Frauenstation untergebracht. Zu unserer Zeit wurde sie auch „Siechenstation“ genannt, weil dort sehr kranke Frauen wohnten und viele von ihnen starben...

Im oberen Stockwerk waren unsere SchlafrÀume und das Badezimmer. Die Zimmer von Schwester E. und Schwester M. lagen auf dem gleichen Flur.
In unserem Badezimmer waren an zwei WĂ€nden in Reihen Waschbecken angebracht. Außerdem standen da noch zwei große Badewannen. GegenĂŒber der TĂŒr hing ein riesengroßer Spiegel mit einem dunklen Holzrahmen. Er war so schrĂ€g angebracht, dass ich immer das GefĂŒhl hatte, er könnte herunterfallen. Wenn ich an meinem Waschbecken stand, konnte ich sofort im Spiegel sehen, wer das Badezimmer betrat. Sobald ich Schwester E. erkannte, bekam ich riesengroße Angst. Ich musste immer damit rechnen, dass sie sich wieder neue Gemeinheiten ausgedacht hatte.


Hof, auf dem Kinder spielen durften. Mit der Anbringung der SpielgerÀte wurde die Geschlechtertrennung je nach Laune zeitweise ausgesetzt.

Wir haben sehr abgeschieden von allem gelebt. Es gab nicht einmal ein Radio oder spĂ€ter einen Fernseher. Auch BĂŒcher waren nicht erlaubt. Es gab nur eine Bibel und GesangbĂŒcher. Einmal brachte ein Kind aus den Ferien „Die Struwwelliese und den Struwwelpeter“ mit. Wenn ich konnte, habe ich mir immer die Bilder angesehen. Diese BĂŒcher haben bei mir schlimme TrĂ€ume verursacht: RegelmĂ€ĂŸig fiel ich rĂŒckwĂ€rts in einen Brunnenschacht. Dabei kam ich nie unten an.

Bei der Struwwelliese habe ich mir immer gewĂŒnscht, dass ich auch einmal so ein schönes Kleid tragen dĂŒrfte, so wie es am Ende des Buches zu sehen war.

Außerdem trĂ€umte ich oft, dass mehrere Russen hinter mir herliefen: Ich befand mich auf dem kleinen Weg zur Kapelle, aber dieser nahm kein Ende. Vielleicht haben uns damals die Schwestern von ihrer Flucht aus Königsberg vor den Russen erzĂ€hlt und dadurch meine TrĂ€ume verursacht.

Bevor die Schwestern zu uns auf die Kinderstation kamen, haben sie auf der MĂ€nnerstation der Klinik gearbeitet. Schwester E. erzĂ€hlte mir, wenn dort jemand im Sterben lag, winkte immer vorher eine weiße Hand aus der TĂŒr. Das machte mir große Angst.

Spielen durfte ich gar nicht. Wenn ich freie Zeit hatte, fand man garantiert noch etwas Arbeit fĂŒr mich, auch am heiligen Sonntag. Sonntags mussten wir immer „SonntagsschĂŒrzen“ tragen. Ich war froh darĂŒber, denn meine Kleidung war so hĂ€sslich und alt, dass ich mich am liebsten versteckt hĂ€tte. Mit SchĂŒrze sah ich etwas freundlicher aus. Oft nannten mich die Schwestern auch „Hexe“. Schule und Heim waren im gleichen Haus, daher konnte man sich von beiden Einrichtungen nicht erholen.

Auf der Kinderstation im Johanna Helenen Heim herrschte unter anderem die Regel, dass wir nachts den Schlafsaal (15 Betten) nicht verlassen durften. Jedes Kind hatte einen Topf unter dem Bett stehen.

Ich war als Kind sehr Ă€ngstlich. Sogar die Heizung in unserem Schlafsaal machte mir mit ihren  komischen GerĂ€uschen große Angst. Je grĂ¶ĂŸer die Angst war, um so grĂ¶ĂŸer wurde der Druck auf die Blase. Weil ich Angst hatte, den Boden mit den FĂŒĂŸen zu berĂŒhren, holte ich den Topf in mein Bett. Ich bin auf dem Töpfchen eingeschlafen, und am anderen Morgen lag er an meinem Fußende. An diesem Morgen machte ich mein Bett so ordentlich, dass es den Schwestern auffiel. Man holte mich mit Schimpf und Schande aus der Klasse und ich wurde wie ein kleiner Hund mit dem Kopf in mein Bett getaucht. Die Schwestern glaubten, ich hĂ€tte ins Bett gemacht.

Mit sieben Jahren bekam ich meine erste Aufgabe. Ich hatte jeden Morgen alle unsere Nachttöpfe auszuleeren. Bei 15 Kindern kam da immer eine ganze Menge zusammen. Man befahl mir, alles in einen großen Topf zu schĂŒtten. Diesen musste ich dann ĂŒber einen langen Flur bis zur nĂ€chsten Toilette tragen. Mein Nachthemd sah dann dementsprechend aus. Egal, was passiert war, ich bekam nur alle vierzehn Tage ein frisches Nachthemd. Es stank entsetzlich. Wenn ich daran denke, ekelt es mich noch heute.

Jeder Morgen begann mit einem wunderschönen frommen Gebet:

     Wie fröhlich bin aufgewacht,

     wie habe ich geschlafen so sanft die Nacht,

     hab Dank du lieber Vater mein,

     dass du hast  wollen bei mir sein,

     behĂŒte mich auch diesen Tag,

     dass mir kein Leid geschehen mag.

Eines der schönsten Gebete, die ich damals lernte, stammt von Dietrich Bonhoeffer. Es half mir damals und hilft mir heute noch sehr:

     Von guten MĂ€chten wunderbar geborgen,

     erwarten wir getrost, was kommen mag.

     Gott ist mit uns am Abend und am Morgen

     und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

SpĂ€ter, als ich endlich lesen durfte, habe ich sehr viel ĂŒber Dietrich Bonhoeffer gelesen. Er ist fĂŒr mich immer ein großes Vorbild geblieben.

Als Kind kam es mir schon damals so vor, als ob die Schwestern sich keine Gedanken ĂŒber den Text machten, den sie im Gebet sprachen. Nach den Gebeten wurde fast immer nur geschimpft. Ich ging dann ganz schnell meiner Arbeit nach.

Vor jedem neuen Tag hatte ich große Angst!

Weihnachtsfeier im Johanna Helenen Heim. 1957

links unten BĂ€rbel

zweite von rechts Marianne.

in der Mitte Schwester E.

Nach der Weihnachtsfeier wurden die Sachen wieder eingesammelt. Die Schwestern warteten bis die Besucher sich verabschiedet hatten.

In dieser Zeit freundete ich mich mit einem MĂ€dchen an, das im Nebenbett lag. Wir waren beide im gleichen Alter. Sie hatte eine schwere KinderlĂ€hmung und eine starke RĂŒckgratverkrĂŒmmung mit einem Buckel. Ihre stĂ€ndig angewinkelten Beinchen steckte sie, wenn sie im Bett sitzen wollte, durch die GitterstĂ€be, DarĂŒber legte man ihr dann ihre eigene karierte Wolldecke. Wir anderen Kinder hatten nur graue MilitĂ€rdecken.

BĂ€rbel hatte sehr liebe, fĂŒrsorgliche Eltern. Sie kamen sie oft besuchen. Manchmal brachten sie mir eine Kleinigkeit mit.

BĂ€rbels ganzer Stolz waren ihre wunderschönen langen Haare. Ich habe sie ihr oft gebĂŒrstet. Sie fĂŒhlten sich wie Seide an.

Als ich nach Volmarstein kam, hatte ich halblanges blondes Haar mit einer Tolle. Weil man fĂŒr mich keinen Frisör zahlen konnte, musste ich meine Haare wachsen lassen und zu Zöpfen flechten. Keine StrĂ€hne durfte herunterhĂ€ngen. Wenn es einmal passierte, kam Schwester E. mit einer Haarklammer und kratzte mir damit mit aller Gewalt ĂŒber den Kopf.

Manchmal habe ich BĂ€rbel beneidet, wenn sie wieder ein schönes Kleid oder neue Schuhe bekam. Zu gerne hĂ€tte ich auch einmal so schöne schwarze Lackschuhe getragen. BĂ€rbel sah fĂŒr mich immer aus wie ein PĂŒppchen. Selten bekamen wir Streit. Doch einmal wollte ich ihr einen Gegenstand an den Kopf werfen. Was die Ursache war, weiß ich heute nicht mehr. Ich denke immer noch mit Schrecken an diesen Streit.

Zur Adventszeit stand auf jedem NachtschrÀnkchen ein kleines Gesteck mit Kerze. Abends wurde die Kerze zur Andacht angesteckt.

BĂ€rbel stiftete mich an, eine kleine Celluloidpuppe in die Kerze zu halten. Sie ging gleich in hellen Flammen auf. Wir beide bekamen einen fĂŒrchterlichen Schreck. Ich warf die Puppe auf den Boden und BĂ€rbel warf ihre schöne Wolldecke darĂŒber. SpĂ€ter mussten wir dann das Loch in der Wolldecke erklĂ€ren. BĂ€rbel wurde nicht bestraft, aber ich bekam eine ordentliche Tracht PrĂŒgel. Das war unser einziger Streich.

Oft litt ich mit ihr, wenn sie krank war und auch noch ins Krankenhaus musste. Ich fĂŒhlte mich dann immer sehr einsam ohne sie.

Als wir beide acht Jahre alt waren, starb BĂ€rbel in einem Krankenhaus in Dortmund. Es war um die Weihnachtszeit. Alle Kinder waren in die Ferien gefahren. Ich lag alleine in dem großen Schlafsaal. Von der Frauenstation, die unter unserer Kinderstation lag, hörte ich Weihnachtslieder. Die Schwestern gingen oft abends dahin, weil dort ein Fernseher stand.

Die SchlafsaaltĂŒr ging plötzlich auf und Schwester E. kam herein. Sie stand an meinem Fußende und sagte: „BĂ€rbel ist tot! Man musste ihr die Beine brechen, damit sie in den Sarg passt. Glaub ja nicht, dass du mit zur Beerdigung gehen darfst! Du kannst dich sowieso nicht benehmen!“

Damals wusste ich noch nicht, dass man keine Schmerzen mehr hat, wenn man tot ist. Schwester E. verschwand ohne ein Wort des Trostes. Ich fĂŒhlte mich schrecklich allein. Meine Trauer war sehr groß. Keiner konnte mir helfen.

Am liebsten hÀtte ich vor Kummer laut geschrieen!

Von dieser Zeit an hatte ich mir geschworen, mich nie wieder mit jemandem anzufreunden. Ich lernte nach und nach, weder Trauer noch Freude zu zeigen. Um mich baute ich eine „Schutzmauer“ auf.

BĂ€rbels Eltern besuchten mich spĂ€ter einmal. Sie erzĂ€hlten mir, wie BĂ€rbel gestorben ist. Sie sei ganz friedlich eingeschlafen. Kurz vor ihrem Tod habe sie eine Schwester gebeten, ihr das Haar zu kĂ€mmen Die Eltern brachten fĂŒr uns Kinder Erdbeeren aus ihrem Garten mit. Es hat lange gedauert, bis ich spĂ€ter einmal eine solche Leckerei genießen durfte.

Im ersten Schuljahr erzĂ€hlte uns eine Lehrerin, dass alle Kinder mit einem „Buckel“ darin ihre EngelflĂŒgel versteckt hĂ€tten.

SpĂ€ter versuchte ich, mir BĂ€rbel als Engel vorzustellen; - die schönen Haare und FlĂŒgel waren ja schon vorhanden. In meiner Vorstellung war das ein großer Trost.

Am liebsten wĂ€re ich auch mit ihr gestorben. In dieser Zeit starben mehrere Kinder. Deren Tod hat mir nicht so weh getan wie der endgĂŒltige Abschied von BĂ€rbel

Arbeiten im Johanna Helenen Heim

Nach und nach bekam ich immer mehr Aufgaben zugeteilt. Oft stand ich schon um fĂŒnf Uhr morgens auf, damit ich fertig wurde. Ich bekam drei Kinder zur Betreuung zugeteilt. Diese musste ich auf den Topf setzen, waschen und anziehen.

Mit C. hatte ich die meiste MĂŒhe. Sie hatte Muskelschwund und war dadurch fĂŒr mich schwer zu versorgen. Außerdem war sie sehr dick. Manchmal habe ich mich vor ihr so sehr geekelt, dass ich wĂŒrgen musste. Wenn sie ihre Periode bekam, war es besonders schlimm. Ich wusste noch nicht, was eine „Periode“ ist. Ich fragte Schwester E. was mit C. los sei. Schwester E. sagte: „Mach weiter und stell dich nicht so an!“ Jedesmal, wenn ich C. gewaschen und fertig angezogen hatte, spuckte sie mir zum Dank dafĂŒr ins Gesicht. Mich bei den Schwestern zu beschweren, half nicht weiter.

Vor ein paar Jahren (1988) traf ich C. bei einem Besuch des Weihnachtsmarktes in Volmarstein wieder. Sie wollte mich freudig begrĂŒĂŸen. Ich konnte es nicht ertragen. Immer noch spĂŒre ich die Spucke in meinem Gesicht. Ich bat meine Freundin, mich schnell wegzuschieben.

Manchmal tat mir C. sogar leid. Weil sie eine sehr schlechte Verdauung hatte, zwangen die Schwestern sie, sich fĂŒr mehrere Stunden auf den Topf zu setzen. Bei dieser Prozedur hatte sie sich einmal den Darm eingerissen. Sie haben ihr einfach nicht geholfen. Ich musste C. und ihren verschmutzten Rollstuhl allein sauber machen. Es sah alles sehr schlimm aus. Als ich das viele Blut sah, wurde es mir schwarz vor den Augen.

Ein Kind, das ich ebenfalls pflegen musste, war D. Sie litt wie seinerzeit meine Freundin BÀrbel an einer schweren KinderlÀhmung.

D. musste eine schwere Schiene tragen. Selbst ich konnte diese kaum anheben. Die Schiene reichte von den Achselhöhlen bis zu den FĂŒĂŸen. Dazu musste D. schwere orthopĂ€dische Schuhe tragen. Da gab es fĂŒr mich viel zu schnĂŒren und viele Schnallen zu schließen. Ohne diese Schienen konnte D. keinen Schritt gehen. Es dauerte immer einige Zeit, bis ich sie gewaschen und angezogen hatte.

Oft hatte D. böse Druckstellen. Man zwang mich, ihr auch dann die Schienen anzulegen. Das machte die Sache noch schwerer fĂŒr mich. Ich war dann diejenige, an der sie ihre berechtigte Wut ĂŒber die Schmerzen ausließ. Mit ihren Schienen konnte sie nur ganz kleine Schritte gehen. Es dauerte oft sehr lange, bis sie den langen Flur zum Speisesaal und zum Klassenzimmer gegangen war.

Oft konnte ich nicht mit ansehen, wie sie sich quĂ€len musste. Ich griff vorne unter das StĂŒtzkorsett und half ihr so ein paar Schritte weiter. Dabei musste ich aufpassen, dass ich die festgestellten GelenkstĂŒtzen nicht berĂŒhrte, sonst wĂ€re sie nach vorne gefallen. Wenn die Schwestern mich dabei erwischten, bekam ich saftige Ohrfeigen.

Noch heute bin ich froh, dass ich ihr auf diese Art und Weise etwas Linderung verschaffen konnte.

  • 1964 kam ich zusammen mit D. in das Margarethenhaus. Sie dachte, ich sei weiter fĂŒr sie zustĂ€ndig. Sie befahl und ich musste springen. Ging es einmal nicht so, wie sie sich das vorstellte, strafte sie mich mit bösen Beschimpfungen. Manchmal gab sie mir aber auch SĂŒĂŸigkeiten oder andere kleine Geschenke. SpĂ€ter war es fĂŒr mich umso schlimmer, zu ertragen, wenn sie behauptete, ich wĂŒrde fĂŒr sie nur dann etwas tun, wenn ich entsprechende Gegenleistungen bekĂ€me.
  • Frau Dominik, sie war Heimleiterin vom Margarethenhaus, hat die Situation erkannt und machte dem ganzen ein Ende. Pflegerische Arbeiten brauchte ich von da an ĂŒberhaupt nicht mehr zu erledigen. Frau Dominik sagte damals zu mir: „Du bist nicht hier um zu arbeiten; dafĂŒr haben wir das Personal. Mach du erst einmal deinen Schulabschluss und vor allen Dingen, lerne erst einmal spielen.“ Sie wusste genau, wie schlecht es mir im Johanna Helenen Heim gegangen war Frau Dominik war der erste Mensch, der mir VerstĂ€ndnis entgegen brachte. Ich habe ihr viel zu verdanken.

Hof und Spielplatz fĂŒr die Kinder am JHH

Ein weiteres Kind, das ich zu versorgen hatte, war H. Sie hatte Muskelschwund und saß im Rollstuhl. H. nutzte meine Situation niemals aus. Mit ihr kam ich prima klar. Man merkte, dass sie aus einem guten Elternhaus kam. Ich habe ihr gerne geholfen. Nie hĂ€tte sie mich bei den Schwestern „verpetzt“.

FrĂŒher gab es RollstĂŒhle mit einer Vorrichtung fĂŒr Steckbecken. Man schob den Topf unter den Sitz in einen Holzkasten. Im Sitz befand sich eine runde Öffnung, die mit einem gepolsterten Deckel geschlossen wurde.

Es gibt da ein Beispiel: Wie immer musste ich H. mittags auf den Topf setzen. Sie war zwei Jahre Ă€lter als ich und auch grĂ¶ĂŸer und schwerer. Es machte mir viel MĂŒhe, ihr den SchlĂŒpfer hochzuziehen. Erst zog ich sie an den Seiten hoch und dann ging ich nach hinten und zog die Hose am Bund hoch. Ich bekam einen furchtbaren Schrecken, als ihre Hose zerriss und ich nur noch ihren Hosenbund in den HĂ€nden hielt. Wir haben beide den Vorfall nur H.’s Eltern und nicht den Schwestern gemeldet. Das war einmal eine Geschichte, die ohne SchlĂ€ge fĂŒr mich ausging.

Manchmal schickte mich H. zu Frau Meier an die Pforte. Das war natĂŒrlich streng verboten. Bei Frau Meier konnte man Sprudel, SĂŒĂŸigkeiten und Salzstangen kaufen. Sie kannte mich ganz gut. Schon als kleines Kind bin ich immer zu ihr gegangen. Da sie auch Briefmarken verkaufte, bat ich sie immer um die Randstreifen. Die schmeckten damals richtig sĂŒĂŸ. FĂŒr mich war es ein Ersatz fĂŒr SĂŒĂŸigkeiten. Manchmal hatte sie Erbarmen und legte mir einen Riegel Schokolade dazu. Das machte mich richtig glĂŒcklich.

Weil wir uns nicht erwischen lassen durften, brachte ich die gekauften Sachen in den Toilettenvorraum. Dort gab H. mir etwas von ihrem Sprudel ab. Ich trank den Sprudel und er lief mir gleich wieder aus der Nase heraus. Ich kannte so etwas ja nicht.

Bei H. habe ich auch zum ersten Mal Geld gesehen. SpĂ€ter sorgten ihre Eltern dafĂŒr, dass ich mit 13 Jahren endlich Kleidergeld vom Sozialamt bekam. Taschengeld hatte ich auch nie erhalten. Ich weiß nicht, wer wĂ€hrend der ganzen Zeit im Johanna–Helenen-Heim ĂŒber mein Taschengeld und auch mein Kleidergeld verfĂŒgt hat.

  • Erst im Margarethenhaus, ich war da gerade 14 Jahre alt, gab mir Frau Dominik  regelmĂ€ĂŸig Taschengeld. ZunĂ€chst war ich viel zu Ă€ngstlich, es auszugeben, da ich keine GeschĂ€fte kannte. Eines Tages gab Frau Dominik mir 5,00 DM in die Hand und sagte zu mir: „Ich möchte, dass du jetzt ins Dorf gehst und dir etwas Schönes kaufst. Egal was es ist, ich werde nicht mit dir schimpfen."
  • Bis dahin war ich noch nie alleine im Dorf gewesen. Ich hatte große Angst, eine Straße zu ĂŒberqueren. Ich ĂŒberlegte mir, was ich mir fĂŒr das Geld kaufen wollte und entschloss mich, fĂŒr meinen TeddybĂ€ren „HĂ€nschen“ eine Strampelhose zu besorgen.
  • Ich wusste nicht, wo man diese kaufen konnte. Als ich dann im Dorf ankam, ging ich in ein großes LebensmittelgeschĂ€ft. Die VerkĂ€uferin schmunzelte und verwies mich an das benachbarte TextilgeschĂ€ft. Ich bekam einen roten Kopf und schĂ€mte mich sehr.
  • Im TextilgeschĂ€ft angekommen, fragte mich die VerkĂ€uferin, wie groß das Baby sei, fĂŒr das ich die Strampelhose kaufen wollte. Mit den HĂ€nden zeigte ich ihr die ungefĂ€hre GrĂ¶ĂŸe, traute mich jedoch nicht, ihr von meinem Teddy zu erzĂ€hlen.Als ich zurĂŒckkam, zeigte ich Frau Dominik meinen Einkauf. „Siehst du,“ sagte sie: „und das machen wir jetzt öfters.“

Abends, wenn wir Kinder im Bett lagen, wurde der Schrank mit den SĂŒĂŸigkeiten geöffnet. Jedes Kind hatte einen eigenen Karton mit „Schmatzsachen“. Ich war das einzige Kind, das keinen Karton hatte.

Es tat mir oft sehr weh, wenn die anderen ihre SĂŒĂŸigkeiten bekamen. Ich nahm all meinen Mut zusammen und fragte ein Kind, ob ich etwas abhaben könnte. Die meisten Kinder meldeten das den Schwestern. Dann hieß es: „Schwester E. die Marianne hat schon wieder gebettelt!“ Das ging nie gut fĂŒr mich aus. Aus lauter Verzweiflung zog ich FĂ€den aus meiner Wolldecke und saugte daran.

Wir hatten damals ein Kind mit dem Spitznamen „Pummelchen“. M. sah auch wirklich so aus. Die Eltern hatten einen großen Bauernhof. Manchmal habe ich gesehen, wie sie den Schwestern riesige WĂŒrste zusteckten. Pummelchen war das einzige Kind, fĂŒr das die SĂŒĂŸigkeiten nicht weggeschlossen wurden. Sie hatte eine dicke Kiste unter ihrem Bett stehen.

Als keiner im Zimmer war, ging ich an ihre Kiste und nahm mir ein Bonbon. Da mich aber mein schlechtes Gewissen so sehr plagte, ging ich zu ihr und sagte es ihr. Sie hatte nichts eiligeres zu tun, als die Bremsen an ihrem Rollstuhl zu lösen und zu Schwester E. zu fahren. Ich bekam PrĂŒgel mit dem Gummischlappen, die ich lange nicht vergessen habe. Ich habe mir an diesem Tag geschworen, mir spĂ€ter, wenn ich groß bin, ganz viele sĂŒĂŸe Sachen zu kaufen.

Eine weitere Aufgabe bestand fĂŒr mich darin, einmal in der Woche, am Freitag, alle Schuhe zu putzen. Wir waren fast 25 Kinder auf der Station. Alle vier Wochen kamen auch noch die Sonntagsschuhe dazu. Am schwersten war es aber, die großen orthopĂ€dischen Schuhe zu putzen. Oft wurde ich erst fertig, wenn die Kinder schon lange schliefen. Ich kannte noch keine Uhr, wusste aber, dass es sehr spĂ€t war.

Die Nische, in der ich die Schuhe putzen musste, nannte sich „Schuhputzecke“. Sie bestand aus einem schmalen Gang. Rechts standen zwei SchrĂ€nke und dazwischen stand ein alter Rollstuhl aus Eisen. Daneben stand noch eine MĂŒlltonne. Die Nische hatte auch ein kleines Fenster. Ich konnte von dort aus ganz Grundschöttel ĂŒberblicken.

Wenn meine Arbeit nicht so verlief, wie die Schwestern sich das vorgestellt hatten, musste ich die ganze Nacht stehend in dieser Ecke verbringen. Oft habe ich am Fenster gestanden und gesehen, wie die Lichter in Grundschöttel an- und wieder ausgingen. Ich stellte mir vor, dass dort Menschen leben, die eine Familie und ein Zuhause haben. Wenn ich dann mĂŒde wurde, setzte ich mich auf die schmale Fensterbank und schlief ein. Da Schwester Elise einen leichten Schlaf hatte, weckte sie mich oft mit einer Ohrfeige und ich musste wieder stehen. Das ging die ganze Nacht so.

Schlimmer aber waren fĂŒr mich die Strafen, die mich demĂŒtigten. Es gab AnlĂ€sse, da steckte mich Schwester E. in ein altes schwarzes Kleid. Sie nannte es Strafkleid. Schwarze StrĂŒmpfe rundeten das ganze noch ab. Oft waren die Sachen viel zu groß. Das machte alles noch schlimmer. Kein Kind außer mir bekam so ein Strafkleid.

Mich zu verstecken war nicht möglich. Im Gegenteil, es bereitete den Schwestern eine Riesenfreude, mich so der Öffentlichkeit zu prĂ€sentieren. Bevor ich den Hof betrat, wurden die Kinder von den Schwestern aufgestachelt, mich zu verhöhnen. Manche hatten große Freude daran. Manchmal waren es nur geringe Vergehen. Wenn es z. B. um meine Arbeit ging, die ich nicht gut genug machte, oder wenn ich schlecht gegessen hatte, musste ich das schwarze Strafkleid, Schuhe und schwarze StrĂŒmpfe anziehen. Ich wagte kaum, den Kopf zu heben. Die Art, wie Schwester E. und Schwester M. die Kinder gegen mich aufstachelten, machte mich sehr traurig und wĂŒtend.

Ich zog meinen Schuh aus und wollte ihn in Richtung Schwester E. werfen. Sie drohte mir: „Wenn du das machst, werde ich persönlich dafĂŒr sorgen, dass du in ein Erziehungsheim kommst.“ Langsam ließ ich den Schuh fallen. Noch schlimmere Qualen hĂ€tte ich nicht ertragen können. Sonst versuchte ich, nach Möglichkeit nicht aufzufallen, um den DemĂŒtigungen zu entgehen. Am schlimmsten verletzte es mich, wenn die Schwestern abfĂ€llig ĂŒber meine Mutter sprachen.

Ich war ca. acht oder neun Jahre alt, als ich im Speisesaal am Fenster stand und weinte. Ich sah, wie die Kinder so nach und nach von ihren Eltern in die Ferien geholt wurden. Schwester E. kam vorbei und fragte mich: „Warum heulst du?“ Ich sagte ihr, dass ich auch gerne zu meinen Eltern nach Hause fahren wĂŒrde. Warum denn das bei mir nicht gehen wĂŒrde. Schwester E. stemmte beide HĂ€nde in die HĂŒften und legte los. Man sah, dass es ihr große Freude bereitete mir weh zu tun: „Was?? An deiner Stelle wĂŒrde ich mich schĂ€men, dass ich geboren bin. Wer weiß, wie du wohl zustande gekommen bist!!  Hinterm Busch und so!!“

Dieser Satz hat sich bei mir eingebrannt. Mir war klar, dass er nichts Gutes bedeuten konnte.

Bis ich 1964 ins Margarethenhaus umzog, habe ich nie mehr nach meinen Eltern gefragt. Ich wollte mich einfach vor ihren Gemeinheiten schĂŒtzen und doch ist es ihnen gelungen, mir immer wieder mit Bemerkungen ĂŒber meine Mutter weh zu tun.

Einen besonderen Spaß bereitete es Schwester E. mich nachts zu wecken und ans Fenster zu schleifen. Unter unseren Fenstern standen junge Leute aus den anderen HĂ€usern. Wenn sich dann ein Paar kĂŒsste, sagte Schwester E. zu mir: „Sieh dir nur die Schweine da unten an, wie die sich kĂŒssen! Mit spĂ€testens 15 Jahren hast ein Kind und bist genau so eine Hure wie deine Mutter!!“ Jedes Mal, wenn sie mich aus dem tiefsten Schlaf holte, wurde es mir furchtbar ĂŒbel. Ich dachte dann immer: „Nur nicht zeigen, dass es weh tut!“ Na ja, immer klappte das nicht.

Zweimal in der Woche musste ich in das Margarethenhaus. Dort befand sich die WÀscherei. Der Weg mit den schweren WÀschesÀcken kam mir sehr lang vor, obwohl es doch das benachbarte Haus war. Es gab einige Erwachsene, die mich bei dieser schweren Arbeit gesehen haben, - aber Hilfe bekam ich nie.

Weil die Frauen in der WĂ€scherei sehr nett zu mir waren, ging ich gerne dorthin. Sie fragten mich sogar, wie es mir gehen wĂŒrde. Das kannte ich bisher ĂŒberhaupt nicht. Noch heute rieche ich gerne frisch gewaschene und gemangelte WĂ€sche.

SpĂ€ter, als ich im Margarethenhaus war, schenkten mir diese Frauen einen Schlafanzug. Den durfte ich sogar behalten. Im Johanna–Helenen-Heim waren zu der Zeit SchlafanzĂŒge fĂŒr MĂ€dchen strengstens verboten. Es war der erste eigene Schlafanzug, den ich bekommen habe. Seitdem habe ich nie wieder ein Nachthemd getragen.

Nachdem ich morgens die Kinder versorgt hatte, musste es sehr schnell gehen; ich hatte ja pĂŒnktlich zum FrĂŒhstĂŒck zu erscheinen. Um 7 Uhr bekamen wir eine Scheibe Brot mit RĂŒbenkraut. Oft war das Brot so alt, dass sich die Scheiben bogen. Ganz besonders habe ich den sauren Geschmack des Brotes in negativer Erinnerung.

Wenn Schwester M. morgens die Brote fertig machte, legte sie diese auf ihre flache Hand. Beim Schmieren blieb oft Butter an ihren HĂ€nden kleben. Dann nahm sie das Messer, kratzte alle Butter von ihren HĂ€nden und schmierte diese auf unsere Brote. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir jeden morgen nur RĂŒbenkraut bekamen. Irgendwann hatte wohl eine Firma mehrere Eimer gespendet, die verbraucht werden mussten. ZusĂ€tzlichen anderen Brotaufstrich gab es nicht.

Das Essen machte mir mehr und mehr große Probleme. Aus heutiger Sicht weiß ich, dass das Essen im Johanna–Helenen-Heim nicht kindgerecht zubereitet war und außerdem meistens unappetitlich auf den Tisch gebracht wurde. Von dem, was uns am wenigsten schmeckte, bekamen wir die doppelte Portion.

Sonntags saß ich oft Stunden vor meinem Teller. Wenn ich nicht schnell genug essen konnte, wurden mir die Speisen in der vorgegebenen Reihenfolge zusammen auf meinen Teller gegeben, so dass sich alles miteinander vermischte. Der Pudding schwamm dann zwischen GemĂŒse und Kartoffeln.

Die Krönung waren die verbeulten Blechteller, die jeden Geschmack annahmen. Kinder, die es sich leisten konnten, durften sich Plastikgeschirr von zu Hause mitbringen.

Auszug aus der “Volmarsteiner ErklĂ€rung” S. 8 bzw. 9

Montags gab es immer eine dicke „Nudelpampe-Suppe“. Auf dieser Suppe schwamm eine ekelige, grĂŒne, dicke Fettmasse. Allein dieser Anblick verursachte bei mir ein WĂŒrgen. Die Nudeln waren zu Brei zerkocht. Den Rest der Suppe konnte man auch nicht so richtig deuten. Sicher ist, dass man darin den Rest der letzten Woche verwertet hatte. Ich war immer froh, wenn sich auch die anderen Kinder davor ekelten; so beschĂ€ftigten sich die Schwestern nicht nur mit mir.

Ab und zu gab es auch Pellkartoffeln mit Heringstipp. Danach gab es jedes Mal Milchreis mit Himbeersaft. Man muss sich das ganze nur nacheinander auf einem Blechteller vorstellen.

WĂ€hrend der acht Jahre, die ich im Kinderheim verbracht habe, durfte ich nur mit dem Löffel essen. Erst im 14. Lebensjahr im Margarethenhaus lernte ich, mit Messer und Gabel zu essen. Wenn ich bei fremden Leuten war, habe ich mich dafĂŒr geschĂ€mt. Um nicht aufzufallen, aß ich nur Suppe. Oft vergingen ein paar Tage, bis die Leute bemerkten, was mit mir los war.

Samstags gab es meistens Suppen mit dicken SpeckstĂŒcken. An dem Speck befanden sich lange Borsten. FĂŒr mich wieder ein Grund fĂŒr Ekel, der mir bis heute geblieben ist. Aus dieser Erfahrung heraus gibt es fĂŒr mich Nahrungsmittel, die ich auch heute noch nicht essen kann: Speck, Fisch, Graupensuppe, Blutwurst, Sago, saures Brot, dicke Bohnen (Saubohnen), Haferschleim und SteckrĂŒben.

Manchmal legten die Schwestern mich im Speisesaal auf den Fußboden. Sie hielten mir die Nase zu und stopften mir dann das Essen in den Mund. Wenn ich mich dann ĂŒbergeben musste , kratzten sie das Erbrochene zusammen und steckten es mir mit Gewalt wieder in den Mund. Dabei schlugen sie mir so auf die Nase, das sie blutete.

Auch das Blut musste ich dann mitschlucken. Vermutlich wurde mir dabei auch die Nase gebrochen. Das hat mir vor nicht all zu langer Zeit ein Hals Nasen Ohrenarzt bestÀtigt.

1960 wurde ich mit Ă€lteren Kindern aus unserer Schule nach Niendorf an die Ostsee geschickt. Es nannte sich „Landschulaufenthalt“. Da ich so unterernĂ€hrt und hĂ€ufig krank war, durfte ich aufgrund einer Ă€rztlichen Verordnung mitreisen. Ich sollte mich erholen und wĂ€hrend dieser Zeit nicht die Schule besuchen.

Lehrerin S. hat sich natĂŒrlich nicht daran gehalten. Sie zwang mich, am Unterricht mit den Großen teilzunehmen und unter anderem ein Lied auswendig zu lernen:

     Die gĂŒld’ne Sonne voll Freud und Wonne

     bringt unsern Grenzen mit ihrem GlĂ€nzen

     ein herzerquickendes liebliches Licht.

     Mein Haupt und Glieder die lagen darnieder,

     aber nun steh ich, bin munter und fröhlich,

     schaue den Himmel mit meinem Gesicht.

Ich weiß nicht warum, aber dieses Lied bekam ich nicht in meinen Kopf. Ich musste zur Strafe mit dem Gesangbuch in der Ecke stehen und lernen. Wenn ich es dann vom neunen aufsagen musste, stotterte ich nur. Frau S. verlor die Geduld mit mir. Sie legte mich ĂŒber ein Holzgestell und begann im Takt der „gĂŒld’nen Sonne voll Freud und Wonne“ auf mein Hinterteil einzuschlagen.  Doch das brachte ihr nicht den erhofften Erfolg.

Mit dem Bus fuhren wir fĂŒr einen Tag nach Hamburg zum Hagenbecker Zoo. Alle Kinder verließen den Bus, nur ich musste mit dem Gesangbuch darin sitzen bleiben. Als die anderen Kinder wiederkamen, konnte ich das Lied trotzdem noch nicht fließend aufsagen.

oben: Hafenrundfahrt
unten: Marianne am Strand

Wieder im Johanna Helenen Heim

Um mich nicht selbst schlagen zu mĂŒssen, befahl Schwester E. anderen Kindern, dies fĂŒr sie zu tun. R., ein geistig behindertes Kind, kam diesem Befehl gerne nach. Ich hatte große Angst vor ihr. Sie war ziemlich groß und krĂ€ftig, aber noch mehr fĂŒrchtete ich mich vor ihren hervorstehenden Augen. Ich kann mich noch erinnern, dass ihre Augen halb geöffnet waren, wenn sie schlief.

Eines Tages befahl ihr Schwester E. mich zu verhauen. Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Sie nahm eine große Blechtasse und schlug sie mir mit voller Wucht in die Magenkuhle. Mir blieb die Luft weg und ich dachte, dass mein letztes StĂŒndchen geschlagen hatte. Ich kann nicht einmal den Grund nennen, warum ich geschlagen werden sollte. Der geistig behinderten R. konnte man keine Schuld geben.

Manchmal weigerte ich mich auch, die schweren Arbeiten zu erledigen. Die anderen Kinder durften spielen und ich sollte arbeiten. Das konnte ich nicht einsehen. Schwester E. und Schwester M sperrten mich in ein Badezimmer und schlugen mich mit einem Gummischlappen oder mit einem Rohrstock. Schwester M. hielt mich fest und Schwester E. schlug zu. Vorher aber zogen sie mir die Hosen herunter. Es tat höllisch weh und ich konnte lange Zeit nicht richtig sitzen. Ich habe dann ganz laut geschrieen und sie hielten mir den Mund zu.

Wenn ich dann am anderen Morgen die Treppe herunterkam, stand da Friedchen in ihrem Rollstuhl. Sie lebte auf der Frauenstation, die direkt unter unserer Kinderstation lag. Ich war einfach nur glĂŒcklich, wenn sie da stand und mich fragte, ob es noch sehr weh tĂ€te. Manchmal schenkte sie mir auch eine Kleinigkeit. Das war unser großes Geheimnis.

Als Schwester E. mich wieder einmal schlug, sagte ich zu ihr: „Schlagen Sie mich doch tot, dann habe ich es hinter mir!!“ Darauf gab sie mir zur Antwort: „Den Gefallen tu ich dir nicht.“

SpĂ€ter, als ich im Margarethenhaus war, habe ich Friedchen immer mal wieder besucht. Sie erzĂ€hlte dann, wie leid ich ihr getan hĂ€tte. Leider ist sie viel zu frĂŒh verstorben.

Auf unserer Kinderstation arbeitete fĂŒr kurze Zeit eine Putzfrau. Noch nie zuvor hatte ich eine Frau mit knallroten Lippen und rotlackierten FingernĂ€geln gesehen. Wir merkten schnell, dass FrĂ€ulein Waltraud keine Angst vor den Schwestern hatte. Vor uns Kindern stritt sie sich mit Schwester E. und ich hörte den Satz, den ich nie vergessen werde: „Sie haben das Kreuz auf der Brust und den Teufel im Nacken!“

FrĂ€ulein Waltraud bekam sofort die KĂŒndigung.

Mittwochs war immer Badetag. Vor diesem Tag fĂŒrchtete ich mich sehr. Es war jedesmal eine große Qual, mich vor den Schwestern und Kindern auszuziehen. Als ich Ă€lter wurde, wurde es noch viel schlimmer. Sie machten sich ĂŒber meine körperliche Entwicklung lustig und kniffen mir dabei in die BrĂŒste und Po. Die Kinder freuten sich ĂŒber dieses Schauspiel.

Schwester E. ließ es sich auch nicht nehmen, mir einmal im Monat meine langen Haare mit Kernseife zu waschen. Danach waren sie immer stark verknotet. Sie setzte dann den Kamm oben an und zog ihn mit einem Ruck durch mein Haar. Ihr Kommentar dazu war jedesmal: „Siehst du, in all den Knoten stecken deine Boshaftigkeiten.“

In der ganzen Zeit bekam ich nur Kernseife und musste sehr sparsam damit umgehen. Sogar die ZĂ€hne mussten damit geputzt werden. FĂŒr Zahnpasta war ja kein Geld vorhanden. Einmal gab mir ein Kind etwas von ihrer Erdbeerzahncreme ab. Das war ein Geschmack, den ich nie vergessen werde.

Mit 12 Jahren bekam ich zum erstenmal meine Regel. FĂŒr mich wurde dadurch die Situation meiner Körperpflege noch heikler. Da ich kein Geld fĂŒr Binden hatte, bekam ich nur ganz groben Zellstoff. Weil ich diesen in meine viel zu große UnterwĂ€sche legen musste, wurde ich sehr schnell wund. Dazu kam noch die Unannehmlichkeit, dass der Zellstoff nicht genĂŒgend saugfĂ€hig war. Gott sei Dank fand ich eine Kordel, die ich mir um den Bauch binden konnte, um den ĂŒbergroßen SchlĂŒpfer zu halten.

Einmal kam ich aus der Schule und musste unbedingt sofort den Zellstoff wechseln. Ich ging in den Speisesaal und fragte Schwester E. ob ich nach oben auf die Station gehen könnte, um mich frisch zu machen. Um uns zu waschen, mussten wir immer fragen, ob wir auf die Station gehen durften. Sie befahl mir, erst Kartoffelsuppe zu essen. Gleichzeitig bekam ich mit, wie eine andere Schwester zu einem Jungen sagte: Wisch das mal weg, da hat sicher jemand Nasenbluten gehabt. Die Spur fĂŒhrte direkt zu mir. Ich schĂ€mte mich sehr, zumal ich diesen Jungen ĂŒberhaupt nicht leiden konnte. Er nannte mich immer Bohnenstange.

Ich nahm meinen Teller und wollte mich an meinen Platz setzen. Schwester E. schrie mich an: “So ein Schwein, wie du es bist, darf sich nicht setzen.” Sie zog aus dem Schrank ein Ablagebrett heraus und ich musste vor allen Kindern im Stehen meine Suppe essen. So schnell ich konnte, schluckte ich die Kartoffelsuppe mit den ganzen StĂŒcken herunter. Die Schwester war hoch erfreut: „Siehst du, wenn du willst, kannst du doch schnell essen“. Zur Belohnung bekam ich dann noch einen Teller Suppe.

Meine Not wurde immer grĂ¶ĂŸer. Oben angekommen erwartete mich Schwester M. mit bösen Beschimpfungen. Ich hatte es noch gerade bis zum nĂ€chsten WC geschafft, als die Suppe im hohen Bogen wieder herauskam.

Schwester M. lief hinter mir her. In der Hand hielt sie eine alte, stinkende Gummihose. Nur Kinder mit einer QuerschnittslÀhmung trugen normalerweise diese Hosen. Sie zwang mich, dieses Teil anzuziehen. Bei jeder Bewegung, die ich machte, knisterte und stank die Gummihose entsetzlich.

Das war eine Sache, der ich nicht mehr gewachsen war. Der Schmerz, der mir in dieser Situation zugefĂŒgt wurde, war nicht zu beschreiben. Ohne zu schluchzen oder einen Laut von mir zu geben, liefen mir den ganzen Tag die TrĂ€nen herunter. Es war wie ein Schrei nach innen.

Vor Scham traute ich mich nicht, den Kopf zu heben. Ich hÀtte keinen ansehen können. Wir hatten damals eine Diakonische Helferin, die ich ganz gut leiden konnte. Gerade bei ihr war es mir besonderst peinlich, wenn sie sah, was die Schwestern mit mir anstellten. Auf die Idee, dass sie mir helfen könnte, bin ich erst gar nicht gekommen

Immer, wenn ich die Regel bekam, wurde ich morgens vor lauter Schmerzen ohnmĂ€chtig. Die Schwestern fanden mich dann bewusstlos auf dem WC. Die Diakonische Helferin erzĂ€hlte mir, wie die Schwestern mich rechts und links unter die Arme nahmen und mich mit den FĂŒĂŸen ĂŒber den Holzfußboden zu meinem Bett zogen. Sie musste alles mit ansehen und durfte nicht helfen.

Sie legten mich dann auf mein Bett und warteten, bis ich wieder zu mir kam. Ich bekam ĂŒberhaupt keine Hilfe. Nicht einmal ein Schmerzmittel gab es. In diesem Zustand wurde ich in die Schule geschickt. SpĂ€ter erfuhr ich, dass die Schwestern die Tabletten, die fĂŒr uns Kinder bestimmt waren, oft in die DDR zu ihren Verwandten geschickt hatten.

Wieder einmal stand ich im Badezimmer und wusch mich. Im Spiegel sah ich Schwester E. hereinkommen. Über ihrem Arm hingen viele BĂŒstenhalter in verschiedenen GrĂ¶ĂŸen.  Mir war sofort klar, dass sie keine guten Absichten hatte, als sie direkt auf mich zukam. Die Kinder schauten gespannt zu. Schwester E. meinte: „Jetzt, wo du deine Tage bekommst, musst du einen BH tragen!“ Ich konnte das nicht verstehen. Ich hatte keinerlei Ansatz eines Busens! Keiner der BHs, und war er auch noch so groß, wurde von der Anprobe vor den Kindern ausgelassen. Zum Schluss zog sie mir wieder einmal die Hosen herunter. Mir ist bis heute nicht klar, was sie damit bezweckten wollte. Es machte ihr sichtlich Freude.

Ich denke, mit diesen Aktionen hat sie mir die FĂ€higkeit genommen, einen Menschen wirklich zu lieben und ihm zu vertrauen.

Die Schwestern sorgten ganz bewusst dafĂŒr, dass viele Kinder solche beschĂ€menden Situationen mit ansehen konnten. Ganz selten waren Kinder dabei, die das nicht gut fanden,

Die selbst behinderte Roswita K. mißhandelte auf Befehl der Schwestern andere behinderte Kinder.

Tanja Schmidt schreibt in: “Sexueller Mißbrauch in der Kindheit -, Auswirkungen im Erwachsenenalter”:

"Neben dem körperlichen Mißbrauch gibt es noch eine zweite Art von sexuellem Mißbrauch, die des seelischen sexuellen Mißbrauchs. Dabei wird das Kind nicht zu sexuellen Handlungen angeregt und es werden auch keine an dem Kind ausgefĂŒhrt. Hierzu gehören Erniedrigungen verbaler Art ĂŒber den Körper oder die Geschlechtsreife. Es wird beleidigend und demĂŒtigend im Beisein des Kindes ĂŒber den Körper und die Geschlechtsmerkmale geredet. Diese Art von sexuellem Mißbrauch wird hĂ€ufig verharmlost und als „weniger schlimm“ angesehen. Dies ist jedoch ein weitverbreiteter Irrglaube. Die Kinder die einen seelischen Mißbrauch erlitten haben, leiden meist genauso stark unter den SpĂ€tfolgen wie die Kinder körperlichen Mißbrauchs."

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Noch eine Geschichte aus dem Speisesaal im Johanna-Helenen-Heim.

Nach dem Essen wurde immer gebetet. Ich hatte gerade einen Stapel Blechteller in den HĂ€nden, als Schwester M. ihr Gebet sprechen wollte. Plötzlich stach mich eine Wespe unter dem Arm. Vor lauter Schreck ließ ich alle Teller fallen. Es machte einen HöllenlĂ€rm. Daraufhin gab mir Schwester M. eine Ohrfeige und kĂŒndigte mir fĂŒr den Abend noch eine saftige Strafe an.

Die Kinder lagen alle schon in ihren Betten. Nachdem ich meine Arbeit erledigt hatte, gewaschen und umgezogen war, wollte ich mich in mein Bett legen. Das ging aber nicht. Schwester E. und Schwester M. standen an meinem Bett. Sie zwangen mich mit Hilfe eines Rohrstockes, mein Nachthemd auszuziehen. Als Schwester E. die Bettdecke von meinem Bett zurĂŒckschlug, wimmelte es da von Insekten. Sie verlangten von mir, dass ich mich nackig in dieses Insektennest legen sollte.

Dabei wurde auch der Rohrstock benutzt. Ich bekam einen fĂŒrchterlichen Schreck und schrie laut. Die meisten Tiere waren zwar schon tot, aber es war ein grausiges GefĂŒhl, darin zu liegen. Ich sollte die ganze Nacht so liegenbleiben. SpĂ€ter, als das Licht gelöscht war, zog ich mir ganz schnell das Nachthemd wieder an. Ich versuchte, die Insekten aus meinem Bett zu schĂŒtteln. FĂŒr mich war es die reinste Folter! Ich reagiere heute noch panisch, wenn mir Insekten zu nahe kommen.

Immer kurz vor den Weihnachtsferien gab es eine Feier. Zu diesem Fest wurden auch hochgestellte Persönlichkeiten eingeladen, die Geschenke und Spenden fĂŒr uns Kinder mitbrachten. Nachdem die Feierlichkeiten beendet waren, wurden die Geschenke an die Kinder verteilt. Es sah alles so heile und schön aus. Doch dann, als die GĂ€ste gegangen waren, wurden die Geschenke zum grĂ¶ĂŸten Teil wieder eingesammelt.

Diejenigen, die nach Hause fahren konnten, nahmen ihre Geschenke mit. R. und ich blieben da und bekamen unsere Geschenke gleich abgenommen. FĂŒr uns war das nichts Neues, es war einfach wie immer. Die Schwestern sagten uns damals, dass es in der DDR noch Ă€rmere Kinder gĂ€be und da wĂŒrden sie unsere Spielsachen hinschicken.

Bei mir war es ja ganz klar. Ich ging immer leer aus und die DDR, was auch immer das sein sollte, habe ich gehasst.

Doch einmal ist es mir unbewusst gelungen, ein Spielzeug zu behalten. Ich bekam eine Kinderpost. Da waren auch Briefmarken dabei. Die leckte ich mit Freuden ab, weil ich das auch schon von Frau Meiers Klebestreifen kannte. Dieses Geschenk konnten sie nicht mehr gebrauchen. Zu der Zeit besaß ich ĂŒberhaupt kein eigenes Spielzeug.

Die nĂ€chste Geschichte, die ich erzĂ€hle, war eine der traurigsten und schlimmsten, die ich je erlebt hatte. Es stĂŒrzte eine ganze Welt fĂŒr mich ein.

Es war kurz vor Weihnachten.

R. und ich waren die einzigen Kinder, die nicht nach Hause fahren konnten. Schwester E. kam in unseren Schlafsaal und brachte uns je ein Paket. Ich hatte noch nie ein Paket bekommen. Eine Schulklasse hatte fĂŒr uns Kinder gesammelt und die Sachen geschickt. So richtig freuen konnte ich mich nicht darĂŒber. Wenn etwas Brauchbares fĂŒr die Schwestern dabei wĂ€re, wĂŒrden sie uns ja doch wieder alles abnehmen.

Doch, oh Wunder, Schwester E. verließ den Schlafsaal. Ich fing an, mein Paket ganz vorsichtig auszupacken. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich KinderbĂŒcher. Neben den BĂŒchern war etwas LĂ€ngliches in ein Geschenkpapier eingewickelt. Ich nahm es und packte es ganz vorsichtig aus. Es war eine gebrauchte Puppe. Der Kopf war aus Porzellan. An der Stirn hatte sie einen kleinen Sprung. Außerdem hatte sie einen lustigen Pferdeschwanz. Der Körper war ganz aus Stoff. Sie war ungefĂ€hr 35 cm groß. An der Puppe war ein Zettel mit ihrem Namen befestigt. Sie hieß Beate und ich liebte sie sofort.

Um keinen Preis wollte ich die Puppe den Schwestern ĂŒberlassen. Ich steckte sie unter meine Wolldecke an mein Fußende. R. war mit ihrem Paket so sehr beschĂ€ftigt, dass sie es gar nicht mitbekam. Ich tat dann so, als ob ich mich ĂŒber die anderen Sachen sehr freute. Als Schwester E. zurĂŒckkam, packte sie die meisten Sachen wieder in den Karton und verschwand damit. Nicht einmal die schönen BĂŒcher ließ sie mir.

Je nĂ€her der Abend kam, um so mehr freute ich mich auf meine Puppe. Als es dann so weit war, nahm ich sie in den Arm und schlief ĂŒberglĂŒcklich mit ihr ein.

Morgens machte ich mein Bett ordentlich und legte die Puppe dann wieder unter die Wolldecke. Damit begann fĂŒr mich eine kurze, glĂŒckliche Zeit im Johanna–Helenen- Heim.

Ich freute mich darauf, mir abends die Puppe zu holen und sie dann ganz fest an mich zu drĂŒcken. Das ganze ging fĂŒr eine gewisse Zeit gut.

Plötzlich, eines nachts, wurde der Schlafsaal hell erleuchtet. Beide Schwestern standen an meinem Bett. Sie befahlen mir, mich an mein Fußende zu stellen. Ich schaffte es nicht schnell genug, meine Puppe zu verstecken. Schwester E. schrie mich an und wollte wissen, woher ich die Puppe hĂ€tte. Als ich ihr von dem WeihnachtspĂ€ckchen erzĂ€hlte, wurde sie noch wĂŒtender. Sie schrie mich an: „Du hast sie gestohlen und außerdem bist du viel zu alt fĂŒr eine Puppe!!“ Ich war ungefĂ€hr 10 Jahre alt.

Sie nahm die Puppe, riss ihr den Kopf ab und schlug ihn so lange auf den Boden, bis er zerbrach. Es dauerte eine Weile, weil der Fußboden aus Holz war. Mit beiden HĂ€nden nahm sie die Beine und riss die Puppe in der Mitte durch.

 

  • Viel spĂ€ter einmal habe ich zu Pastor Bach gesagt: „Es war so, als hĂ€tten sie mir in diesem Moment meine Seele zerrissen.“ Ich bin zu ihm gegangen, als ich von Volmarstein nach Gevelsberg  ziehen wollte .Es war so wichtig, dass er erfuhr, was man in den OrthopĂ€dischen Anstalten mit mir damals gemacht hatte. Zum ersten Mal fĂŒhlte ich mich verstanden.
  • Bis dahin wurde mir immer eingeblĂ€ut: Wir wissen, dass es nicht gut war, aber wenn du es laut sagst, schadest du dem Ruf der Anstalten.

 

Ich schrie wie eine VerrĂŒckte. Schwester E. schlug mich mit dem Rohrstock und brachte mich anschließend auf den Dachboden. Dort saß ich dann hinter einem Bretterverschlag und hatte furchtbare Angst. Den Dachboden konnte man nur ĂŒber eine steile Treppe erreichen. Als ich dann anfing zu weinen, saß Schwester E. auf der Treppe und lachte. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich da sitzen musste. Es war schrecklich kalt dort und ich trauerte so sehr um meine Puppe. Nie wieder konnte ich mit ihr kuscheln. Auch dieses schöne GefĂŒhl hatte man mir genommen. Es hat lange gedauert, bis ich darĂŒber hinweggekommen bin.

Genau weiß ich nicht, wie die Schwestern dahinter gekommen sind. Sie hatten auch oft die Angewohnheit, uns nachts mit der Taschenlampe ins Gesicht zu leuchten. Ein MĂ€dchen meinte viel spĂ€ter, man hĂ€tte mich verraten.

 

  • 1987 bekam ich von meiner Freundin Inge eine selbstgebastelte Waldorf-Puppe geschenkt. Diese sah meiner Puppe so sehr Ă€hnlich, dass ich unverhofft einen fĂŒrchterlichen Weinkrampf bekam. Ich bin sicher, dass in diesem Moment das schreckliche Erlebnis von frĂŒher den Weinkrampf auslöste. Ich erzĂ€hlte Inge meine Geschichte und fĂŒhlte mich danach sehr wohl und befreit.

Ich frage mich heute oft, wie ich das alles ertragen konnte. Jeder Tag war ein neuer Kampf. Wer weiß, woher ich die Kraft bekam...

Vom Gesichtsausdruck etwa so, wie die KĂ€the-Kruse-Puppe “Mimerle”, sah die erste Puppe aus.

An Mimerle
bei Frau Marianne 
 / Gevelsberg


Liebes Mimerle!
Wir kennen uns noch gar nicht, aber ich muss Dir einfach sagen, daß ich mich ganz doll freue, daß es Dich gibt. Ganz besonders freue ich mich darĂŒber, daß Ihr beide, Marianne und Du, Euch gefunden habt.

Lass mich kurz andeuten, warum ich mich so sehr freue. Marianne lernte ich kennen, als sie 12 Jahre alt war und eine unvorstellbar schlimme Zeit auf einer Kinderstation erlebte. Davon hatte ich damals allerdings keine Ahnung. Erst 25 Jahre spĂ€ter erzĂ€hlte mir Marianne einiges; bei manchen Einzelheiten kamen mir beim Hören die TrĂ€nen. Ich fand es grausam, einem Kind das Spielen fast unmöglich zu machen. Diesen Eindruck hatten zu der Zeit, teilweise schon vorher, auch andere; ich denke an zwei HausmĂŒtter, an denen sie fast erstmalig erlebte: Ich bin wichtig! Eine besondere Frage war damals: Muß sie, auch wenn sie schon 14 ist, nicht endlich das Spielen lernen?

Was Marianne Dir da an Einzelheiten im Laufe der Zeit erzĂ€hlen wird, weiß ich nicht. Aber meine paar SĂ€tze reichen wohl schon aus, verstehen zu können, warum ich mich so riesig ĂŒber Dich freue. Ich wĂŒnsche Dir, dass es Dir jeden Tag neu gelingt, Marianne erleben zu lassen: Ich bin wichtig!

Denn das war ja die Absicht der Beiden aus unserem Freundeskreis, die Dich und Marianne zusammenbrachten. Sie hatten gemerkt, daß Marianne sich in die Puppe aus dem Katalog grĂŒndlich verliebt hatte; nur konnte Marianne es sich nicht leisten, sich diesen Wunsch zu erfĂŒllen. Anette und Helmut ĂŒberlegten nicht lange, sondern beschlossen, zu Mariannes Geburtstag Euch zusammenzufĂŒgen.

Eine Sache möchte ich noch erzĂ€hlen: Als meine Tochter Kornelia 4 oder 5 Jahre alt war, spielte sie mit ihrer Puppe (die war aber lĂ€ngst nicht so schön wie Du), was mich so beglĂŒckte, daß ich ihr sagte: „Weißt du eigentlich, dass du das schönste PĂŒppchen auf der ganzen Welt hast?“ Kornelia sagte: „Guck mal Vater, wie sie sich darĂŒber freut; sie strahlt ja richtig,“  Meinen Wunsch kann ich auch so ausdrĂŒcken: Ich wĂŒnsche Euch beiden, daß Ihr Euch immer wieder gegenseitig anstrahlt, wenn Ihr Euch seht.

Sehr liebe GrĂŒĂŸe, auch an Marianne
Dein Ulrich Bach

6. MĂ€rz 2009
 

Dazu Ulrich Bach in: “Ohne die SchwĂ€chsten ist die Kirche nicht ganz. Bausteine einer Theologie nach Hadamar, (Seite 87) Neukirchen 2006”
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„Deutschland – Rabenvaterland?“
Dierk SchÀfer verarbeitet in seinem Vortrag vom 24. 01. 2009 in der Ev. Akademie Bad Boll Kindheitserlebnisse von MB
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Damals war es Brauch, dass zu den Feiertagen Kinder aus unserer Anstalt in fremde Familien eingeladen wurden. Ich bin einmal nach Gevelsberg eingeladen worden, wo man mich verwöhnte. Ein zweiter Besuch dort wurde jedoch seitens des Heimes nicht zugelassen.

Aus heutiger Sicht bin ich aber froh darĂŒber, dass diese Besuche in fremden Familien nicht mehr unterstĂŒtzt wurden. Es wĂ€re sicher schwer fĂŒr uns Kinder gewesen, nach schönen Stunden bei anderen Leuten ins Heim zurĂŒck zu mĂŒssen.

Am Totensonntag mussten die Kinder, die laufen konnten, zum Anstaltsfriedhof gehen, um die KindergrĂ€ber zu schmĂŒcken. Auch wenn Schnee lag, bin ich gerne dorthin gegangen, weil es fĂŒr mich eine willkommene Abwechslung bedeutete. KindergrĂ€ber und Friedhöfe waren mir sehr vertraut. Sie hatten nichts Erschreckendes. Manchmal wĂŒnschte ich mir, selbst dort zu liegen.

Wenn Schwester E. nicht mit mir fertig werden konnte, schickte sie mich zu der Heimleiterin Schwester Elf. Sie hatte ein wunderschönes BĂŒro. Sie zog die TĂŒr zu und legte den Arm um mich und meinte: „Ich weiß ja, dass es dir nicht gut geht, aber leider kann ich dir auch nicht helfen“. Dann ging sie an einen Schrank und gab mir eine Schokolade: „Die musst du aber hier essen; oben nimmt man sie dir doch sicher ab“. Ich aß die Schokolade mit Genuss. Auf der Station angekommen, hatte ich natĂŒrlich keinen Hunger mehr auf Abendbrot, was zu neuem Ärger fĂŒhrte.

SCHULE

Die Schule war fĂŒr mich der reinste Alptraum! Die ersten vier Jahre verbrachte ich dort nur mit gesenktem Kopf in der Ecke stehend. Man hatte mich vier Jahre lang nicht versetzt. Einmal habe ich meinen ganzen Mut zusammengenommen und Frau St. gefragt, warum ich nicht in eine andere Klasse versetzt werden könnte. Sie sah mir dabei direkt ins Gesicht und sagte: „Du bist nicht dumm, sondern asozial und Asoziale fördere ich nicht!“. Sie hat mir 4 Jahre lang die Möglichkeit genommen, zu lernen und mich entwickeln zu können.

Das Vorlesen war fĂŒr mich das Schlimmste. Ab und zu holte sie mich aus meiner Ecke. Ich musste mich an das Pult neben sie setzen. Dann gab sie mir ein Buch in die Hand und ich sollte laut vorlesen.

Dabei legte sie immer ihren Gehstock auf mein Pult. Vor lauter Angst brachte ich kaum ein Wort heraus und stotterte fĂŒrchterlich. Dann schlug sie mich mit ihrem Gehstock und ich verschwand wieder fĂŒr lange Zeit in meiner Ecke. Auch heute noch fĂ€llt es mir schwer, laut vorzulesen.

Erst mit 10 Jahren bekam ich eine Brille und die war da schon sehr stark.

Frau St. war eine hochbegabte Frau. Sie komponierte Lieder, konnte sehr gut zeichnen. Sie grĂŒndete auch unser Schulorchester, in dem nur ihre „EliteschĂŒler und EliteschĂŒlerinnen“ mitwirken durften. Ich meine heute, dass sie besser in der Erwachsenenbildung tĂ€tig geworden wĂ€re. Es mangelte ihr an EinfĂŒhlungsvermögen fĂŒr Kinder und an der FĂ€higkeit, diese individuell zu fördern.

Ihre eigene schwere Behinderung zwang sie, an beiden Beinen eine Schiene zu tragen und zwei Stöcke als Gehilfen zu benutzen. Ihre Stöcke gebrauchte sie aber auch, um uns Kinder zu schlagen. Ich selber habe gesehen, wie sie einmal Friedhelm, der ein Korsett trug, so sehr auf den RĂŒcken schlug, bis der Gehstock zerbrach. Weil Wolfgang den Dreisatz nicht verstand, nahm sie seinen Kopf und schlug ihn mehrmals auf sein Pult.

Doris, die einmal nicht ihre Schienen tragen musste, genoss diese Freiheit so sehr, dass sie in der Schulbank mit ihren Beinen wackelte. Frau St. gab ihr eine so starke Ohrfeige, dass sie mit dem Kopf gegen die Heizungsrohre schlug.

Damals schrieben wir mit Feder und Tinte. Wenn es einen Klecks gab, bekam man mit dem Griffelkasten-Deckel SchlĂ€ge auf die Finger. Schönschrift war Frau St. Steckenpferd. Manchmal musste man ganze Hefte nur mit einem Bustaben fĂŒllen, bis sie zufrieden war. Ab und zu bekam auch ich diese Strafarbeit zu spĂŒren.

Doch die meiste Zeit verbrachte ich stehend in meiner Ecke. Ab 7.30 Uhr bis um 10.00 Uhr, dann nach der kleinen Pause stand ich wieder bis 12.30 Uhr und nachmittags von 14.00 Uhr bis 17.00 Uhr in meiner Ecke.

Etwas GlĂŒck hatte ich doch noch. In meiner Ecke konnte ich mich halbwegs hinter einem  Schrank verstecken. Frau St. hatte mich da nicht immer im Blickfeld. Es war fĂŒr mich wie ein kleines Zuhause. Wenn ich mich etwas drehte, konnte ich auf den Hof sehen und das Geschehen dort beobachten. Manchmal nahm ich eine Klammer aus meinem Haar und schrieb damit am Schrank. Ich wollte so gerne schreiben.

Das Pult von Frau St. stand auf einer Erhöhung. Mir befahl sie manchmal, unter ihr Pult zu kriechen und mich dort hinzulegen. Sobald ich wagte, mich zu bewegen, machte sie mit einem Ruck ihre Schienen gerade und ich bekam heftige Fußtritte ab. Ihr war es egal, wohin sie traf.

Vom Fenster in meiner Ecke konnte ich auf die Treppe der Leichenhalle sehen. An einem nassgrauen Tag sah ich, wie eine Tote, nur in TĂŒchern gehĂŒllt, auf einer Bahre heruntergetragen wurde. Ich sah, wie die Leiche ganz langsam einem TrĂ€ger in den Nacken rutschte. Dabei löste sich das Tuch und ich sah eine Hand. Ich bekam große Angst und schrie laut los. Da hörte ich nur noch Frau St. Schienen knacken und spĂŒrte, wie sie unkontrolliert auf mich einschlug. Um mich zu schĂŒtzen, nahm ich den nĂ€chstbesten Stuhl und hielt ihn vor mich. Sie war oft blind vor Wut.

Wenn ich heute „Angst“ beschreiben soll, sind es die nahenden Schritte von Frau St.. Von ihr fĂŒhlte ich mich Tag und Nacht bedroht. Schon wenn ich sie nur auf dem Flur hörte, stieg in mir Angst hoch.

In der ersten Klasse war ein geistigbehindertes MĂ€dchen. Dieses MĂ€dchen lachte oft ohne Grund und das machte Frau St. wĂŒtend. (Lilly besuchte die erste Klasse 8 Jahre lang.) Es war in der Adventszeit. In jedem Klassenzimmer hing ein Adventskranz. Lilli machte wieder einmal ihre Faxen und Frau St. kam mit einem hocherhobenen Stock herein. Sie wollte Lilli damit verhauen. Doch plötzlich verhedderte  sich ihr Stock im Adventskranz. Er flog kreuz und quer durch das Klassenzimmer und Lilli war vor Freude nicht mehr zu halten. Ihre PrĂŒgel hat sie dann aber trotzdem bekommen.

Wenn Frau St. in einer anderen Klasse unterrichtete, musste ich immer mitkommen und auch dort in einer Ecke stehen. In einer dieser Klassen befand sich eine große Klapptafel. Ich stand hinter dieser Tafel. Zu der Zeit plagte mich eine starke ErkĂ€ltung und die Nase lief. Ich wollte sie mir gerade putzen, da flog mir auch schon die Tafel an den Kopf. Der Schlag war so heftig, dass ich ohnmĂ€chtig zu Boden ging. Als ich wieder zu mir kam, durfte ich mir die Nase immer noch nicht putzen. Den ganzen Tag verbrachte ich dann mit meiner Rotznase in der Ecke.

Es gab auch sehr schöne Momente in der Ecke. Immer, wenn das Schulorchester probte, musste ich auch Frau St. begleiten. Manchmal fanden die Proben im Garten des „HexenhĂ€uschen“ statt. In meiner Ecke habe ich die klassische Musik kennen- und liebengelernt. Außerdem entdeckte ich einen kleinen Strauch, genannt „TrĂ€nendes Herz.“

  • Einen solchen Strauch habe ich mir jetzt in meinen Vorgarten gepflanzt und er gedeiht prĂ€chtig.

Mein Leidensgenosse Helmut, der an Muskelschwund litt, stand auch hĂ€ufig in der Ecke. Wenn ihn die KrĂ€fte verließen, machte es „Plumps“ und er lag am Boden. Frau St. stand auf, ging zu Helmut und schlug so lange auf ihn ein, bis er wieder stand. Das wiederholte sich manchmal sogar mehrmals am Tag.

Wenn die Kinder, die von Frau St. verhauen wurden, sehr laut schrieen, klopfte der Hausmeister aus seiner Kellerwerkstatt an die Heizungsrohre. Dies beeindruckte diese Lehrerin jedoch nicht.

In dem Keller befanden sich die BastelrĂ€ume. Dort entstanden unter Anleitung der Frau St. wunderschöne Sachen. Einmal bekam ich mit, wie ihre SchĂŒler/innen ein großes Transparent mit SeitenflĂŒgel fĂŒr unsere kleine Holzkapelle gebastelt haben. Ich fand es wunderschön. Der Klasse war ein Kunstwerk gelungen.

Einmal sah ich, wie Frau St. auf einer PfĂŒtze ausrutschte. So schnell ich konnte, lief ich in die nĂ€chste Klasse, in der Frau S. unterrichtete. Ich sagte ganz aufgeregt: „Frau S., Frau S.! Frau St. ist hingeflogen!“ Ich kassierte zwei krĂ€ftige Ohrfeigen: „Das heißt nicht hingeflogen, sondern hingefallen!“ Wenn Frau S. zuschlug, flog uns Kindern der Kopf hin und her.

Es Ă€rgerte mich fĂŒrchterlich, dass Frau St. mich immer nur mit meinem Nachnamen ansprach. Einmal im Jahr, an meinem Geburtstag, durfte ich mir ein Lied wĂŒnschen. Ich wĂ€hlte immer das Lied „Weil ich Jesu SchĂ€flein bin“. Da gab es die Textzeile –„..... und mich bei meinem Namen nennt!“ - Das war mir damals ganz wichtig.

Einmal bekam ich mit, dass Wolfgang die Wandtafel nicht genĂŒgend gesĂ€ubert hatte. Frau S. war so erbost, dass sie das dreckige Tafelwasser nahm und Wolfgang ĂŒber den Kopf schĂŒttete. Dazu muss man sagen, dass vorher bunte Kreide benutzt wurde. Der Junge musste den ganzen Tag in den nassen Sachen am Pult stehen bleiben.

Selbst der Gang zu den Toiletten wurde wĂ€hrend der Schulstunde nicht erlaubt. Inge hatte einen schlimmen Durchfall. Erst als sie sich in die Hose gemacht hatte, schleifte Frau S. sie aus dem Klassenzimmer. Dabei hatte sie sich ihre schöne weiße SchĂŒrze versaut.

Mein wirklicher Schulanfang begann mit meinem 10. Lebensjahr.

Frau St. hatte mal wieder ein Kind so sehr geschlagen, dass die Mutter sie anzeigte. Damit hatte sie sicher nicht gerechnet, zumal eine „alleinerziehende Mutter“ diesen Schritt wagte. Frau St. wurde sofort entlassen und von da an begann meine schulische Förderung. Wir bekamen eine verstĂ€ndnisvolle, junge Lehrerin. Mir machte die Schule richtig Spaß und ich konnte schnell eine Klasse ĂŒberspringen. Ihr habe ich es zu verdanken, dass ich einen guten Volksschulabschluss machen konnte.

Ich muss so um die 12 Jahre alt gewesen sein, als wir eine Musiklehrerin bekamen.

FrĂ€ulein Fiedler machte einmal den Vorschlag, mit uns spazierenzugehen. Diejenigen aus der Klasse, die relativ gut zu Fuß waren, mussten einen Rollstuhl schieben. Damals waren die RollstĂŒhle aus Holz und hatten Vollgummi auf den Reifen. Der Weg, den wir gehen mussten, war sehr steil und hatte einige gefĂ€hrliche Kurven.

Ich schob Margret, die in einer Kurve die Bremsen anzog. Dabei löste sich das Vollgummi vom Rad. Ich hing mich an ihren Rollstuhl und lenkte ihn mit den Knien um die Kurve. Auf der einen Seite des Weges war ein steile Böschung. Das hĂ€tte sehr böse ausgehen können. Bei diesem „Manöver“ verletzte ich mich stark und  man brachte mich in die Klinik. Beide Kniee waren aufgeschĂŒrft.  Man zog mir die ramponierten StrĂŒmpfe aus und sĂ€uberte die Wunden. Dann bekam ich beide Kniee verbunden. Vor den Spritzen, die ich zudem noch bekommen musste, hatte ich mehr Angst als vor den schmerzhaften Wunden.

FrĂ€ulein Fiedler brachte mich in das Johanna-Helenen-Heim zurĂŒck. Schwester E. empfing uns schon an der HaustĂŒr. Ehe ich etwas sagen konnte, gab sie mir rechts und links eine Ohrfeige und meinte: „Das ist fĂŒr die kaputten StrĂŒmpfe!!“

Die Diakonissen, Schwester E. und Schwester M. hatten immer einen Leitspruch: „Wir tun es nicht um Euret Willen, wir tun es um Gottes Willen!“

In den 8 Jahren hat mich meine FĂŒrsorgerin einmal besucht und das nur mit Voranmeldung. Man steckte mich in ein rotkariertes Kleid mit einem weißen Kragen.

Die FĂŒrsorgerin ermahnte mich, in der Schule fleißig zu lernen. Die ganze Zeit stand ich unter strenger Bewachung. Schwester E. hatte mir vorher gedroht, ja kein falsches Wort zu sagen.

1964, im MĂ€rz, wurde ich konfirmiert. An diesem Tag kamen fĂŒr mich ganz ĂŒber-raschend BĂ€rbels Eltern. Ich wollte ihnen vor Freude entgegengehen und fiel die Treppen herunter.  Dabei habe ich meine ersten PerlonstrĂŒmpfe zerrissen.

Schwester E. sah das und gab mir eine krĂ€ftige Ohrfeige. Das waren ĂŒbrigens die letzten SchlĂ€ge, die ich von ihr bekam. Nachdem Familie Dirks wieder abgereist war, saß ich auf meinem Bett. Schwester E. kam zu mir und meinte: „Glaub ja nicht, dass es dir im Margarethenhaus besser geht; du wirst dich noch nach uns zurĂŒcksehnen.“ Es ist nicht zu beschreiben, was fĂŒr eine Angst ich hatte.

Zwei Tage spĂ€ter zog ich um. Man verstaute meine paar Habseligkeiten auf eine Trage und fuhr sie ĂŒber die Straße zum Margarethenhaus.

Frau Dominik war freundlich und verstĂ€ndnisvoll zu mir. Sie war streng, aber auch gerecht. Zwei Jahre ging ich von dort aus in die Schule und machte dann einen guten Volksschulabschluß.

Erst im Margarethenhaus wurde mir nach und nach bewusst, dass mir großes Unrecht zugefĂŒgt worden war. Eigentlich verfolgt es mich bis heute, aber es ist nicht mehr der Schwerpunkt meines Lebens.

Mangelhafte Essensversorgung wegen Lebensmittelknappheit

Wie selbstverstÀndlich erzÀhlte ich Dir vorhin am Telefon, ich dachte ich
hĂ€tte es auch in meinen Bericht erwĂ€hnt, daß Schwester E. bei uns im JHH. am Katzentisch saß. Dieser Katzentisch hatte eine besondere Bedeutung.
Immer wenn wir Kinder schlecht aßen mußten wir uns dort hinsetzen. Schwester
E. setzte sich dazu, und sie drohte mit Gewalt uns das Essen einzuflĂ¶ĂŸen.
Bei der Gelegenheit, bekam ich einmal mit, wie Schwester E. den
Speisesaal verließ und zurĂŒck kam sie mit einem Teller Essen, das ich
bisher noch nie gesehen hatte. Auf diesem Teller befanden sich
HĂ€hnchenbollen Kartoffeln und leckeres GemĂŒse. Wir dagegen saßen vor einer
Pampe, die sehr unappetitlich zubereitet war. Offensichtlich hatte Schwester
E. sich diese Köstlichkeiten aus den Schwesternspeisesaal, direkt neben
unserem Speisesaal gelegen, geholt. Genußvoll setzte sie sich zu uns und aß
ihr Essen. Es hat ihr so gut geschmeckt, daß sie anschließend ihr Gebiß aus
dem Mund nahm und dieses auch noch einmal ableckte. Ich saß daneben und mir
drehte sich stÀndig der Magen.

1964 kam ich in das Margarethenhaus. Schon bei der ersten Mahlzeit die ich
dort bekam, dachte ich, ich sei im Schlaraffenland. Das fing schon mit dem
FrĂŒhstĂŒck an. Die Tische waren ganz anders gedeckt, wir bekamen Messer und
Gabel, wir durften unsere Brote selber schmieren, und das erstaunliche war
fĂŒr mich, daß es verschiedene Brotsorten gab. Ab und zu gab es auch leckere
Brötchen. Was ich bis dahin gar nicht kannte, Sonntags gab es Kuchen.
Manchmal gab es auch sonntags leckeres Rosinenbrot. Es gab Aufschnitt (KĂ€se
und Wurst) wir konnten auch zwischen Marmelade und Honig wÀhlen. Meine
grĂ¶ĂŸte MĂŒhe war damals mir selber die Brote zu schmieren, weil ich bis dahin
nie ein Messer oder eine Gabel gesehen hatte. Außerdem gab es reichlich
Obst. Die Mahlzeiten waren appetitlich zubereitet. Was mir besonders gefiel,
wenn es mittags KlĂ¶ĂŸe gab, wurden sie am Abend in Scheiben geschnitten und
aufgebraten und noch ein Ei darĂŒber geschlagen. Das mochte ich besonders
gerne. Wenn es einmal wenig schmeckte, lag es nur an mir. Trotzdem hatte ich
oft große MĂŒhe zu essen. Frau Hoffmann, die spĂ€ter ab 1967, Heimleiterin im
Margarethenhaus war, hat mir erzĂ€hlt, daß sie sich oft große Sorgen deswegen
gemacht hat. Ihre grĂ¶ĂŸte Sorge war, daß ich magersĂŒchtig wĂŒrde. Ich merkte
schnell, wenn ich nichts aß, bekam ich Zuwendung. Auf einmal waren da
Menschen, die sich um mich sorgten.

Betreff: Essen im J. H. H.
Datum: Tue, 11 Dec 2007 20:16:08 +0100
Von: "Marianne" <marianne.behrs@web.de>

Brief Marianne an Ulrich am 09.12.08

 

Lieber Ulrich!

Du hast mich vor ein paar Tagen gefragt, wann ich angefangen habe meinen Bericht zu schreiben und warum.

Ende 1985 ging es mit meinem Laufen immer schlechter. Ich hatte große MĂŒhe meinen Arbeitsplatz zu erreichen und die Arbeit fiel mir von Tag zu Tag schwerer. Also nahm ich all meinen Mut zusammen und ging zu einem OrthopĂ€den nach Hagen. Dr. Kupsta untersuchte meine HĂŒften und war entsetzt in was fĂŒr einen schlechten Zustand ich war. Er sagte zu mir: Es ist mir ein RĂ€tsel, wie sie noch mit dieser HĂŒfte laufen können. Jede Bewegung bereitete mir große Schmerzen. Manchmal passierte es, beim Aufstehen, oder wenn ich mich im Bett drehen wollte, oder von der Toilette aufstand, daß mir die HĂŒfte aus der Pfanne sprang. Das war immer mit sehr großen Schmerzen verbunden. Dr. Kupsta wollte noch wissen warum mein rechtes Bein so schwach sei. Ich erzĂ€hlte ihm das ich bis zu meinem 10 Lebensjahr eine Schiene trug und sie von einem Tag auf den andern abgenommen bekam und das war es dann auch. Er war entsetzt als er erfuhr, daß an diesem Bein nie eine Therapie durchgefĂŒhrt wurde um es zu stĂ€rken. Sein Kommentar dazu war: Da hat man sich aber krĂ€ftig an ihnen versĂŒndigt. Ich habe ihn darauf geantwortet: Nicht nur da!

Mir blieb nichts anderes ĂŒbrig mich mit 36 Jahren einer Operation zu unterziehen. Ich brauchte dringend eine neue HĂŒfte mit Erkeranbau. Dr. Kupsta machte mich darauf aufinerksam, daß das eine sehr schwere Operation sei. Mich ĂŒberkam Panik als er mir vorschlug, die Operation in Volmarstein machen zu lassen. Ich konnte und wollte nicht dahin gehen, wo es Ärzte gab die mir in meiner Kindheit nur Angst eingejagt haben. Noch heute habe ich Schwierigkeiten einen Arzt aufzusuchen. ...

 

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