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„Und zweimal bin ich durch den ganzen Saal gezogen worden und, weil das ja früher strenger Holzboden war, war hinterher mein Po und mein Rücken so versplittert, dass ich am anderen Morgen zu Frau Damrau gegangen bin und gesagt habe: Wollen Sie mal Strafe sehen? Und dann habe ich mein T-Shirt hochgezogen und dann hat sie noch meine Splitter im Rücken gesehen. Auch wenn ich mit dem Knie was hatte oder anderswo von Schlägen, dann habe ich ihr gesagt: Hier, da hat sie wieder gehauen. Die schwarze Trainingshose ist dann immer beim Ziehen runtergerutscht, sie hat ja an den Armen gezogen oder manchmal in den langen Haaren und dann hatte ich den Rücken frei und den Po und dann haben sich da die Splitter festgesetzt.“

Am 25.05.2008 und am 27.05.2008 fuhr der Sprecher der „Freien Arbeitsgruppe JHH 2006“ mit seiner Assistentin Karolina Reska zu Gesprächen mit Herrn I. H. Zur Vereinfachung der Lesbarkeit wird Herr I. H. im Folgenden „Ingo“ genannt.
Vorbemerkungen: Ingo sprach sehr schnell und aufgeregt. So kam es, dass er etliche Sätze abrupt beendete und unvollständig ließ. Diese Sätze habe ich aus der Erinnerung heraus, aber auch im Vergleich mit der Tonaufzeichnung vollendet. So ist nachfolgend nicht immer der originale Wortlaut lesbar, er wäre in vielen Fällen auch nicht verständlich geworden und hätte zu erheblichen Irritationen geführt. Es ist nicht möglich, das gesamte Interview wiederzugeben. Einzelne Details seiner Erinnerungen, die sich insbesondere mit den sexuellen Verfehlungen des Sonderschulrektors F. befassen, sind dermaßen schockierend und abgründig, dass sie der Schreiberin der Tonaufzeichnung und auch den Lesern nicht zugemutet werden kann.
 
Als Du drei Jahre alt warst, da kamst Du nach Volmarstein?
 „Und auf Bitten quasi nicht von meiner eigenen Mutter, sondern von meiner Oma, weil sie meinte, diese Einrichtung könnte etwas besseres für mich tun, als nur meine Mutter.“
Wie hieß die erste Lehrerin?
 „Fräulein H.“

Im Hintergrund: Lehrerin H., selbst behindert

Hast du bei ihr richtig Unterricht gehabt, oder hat da überhaupt Unterricht stattgefunden?
„Ja, strenger Unterricht, besonders auf die Schiefertafeln zu schreiben. Was sie uns vorne vorschrieb, mussten wir genau abschreiben. Und wir hatten nur nicht einmal richtiges Material. Wir hatten manchmal Griffel, die schon kaputt waren oder angebraucht waren und dann funktionierten die nicht richtig, aber Du musstest es machen, ne.“
Habt ihr denn richtige Schulhefte gehabt, also Deutsch…
„Nee, bei Frau H. hatten wir nur die Schiefertafeln und so einen Griffelkasten, wo wir die Griffel … und so eine kleine Tasche, wo man die zwei Hefte und eine Tafel rein tat.“
Welche Gewalttätigkeiten hat Frau H. Dir zugefügt?
Ingo berichtet, dass Frau H. selbst körperbehindert war und wenn sie schlechte Laune hatte, mit Gegenständen um sich warf. Ingo weiter: „Wir kriegten Schläge für Dinge, die wir gar nicht verstanden hatten.“
Hat sie Schläge mit der Hand zugefügt?
„Meist mit Gegenständen, wie Griffelkasten oder anderes, was sie in der Nähe hatte und sie hatte eine Zeit lang auch immer, wenn sie nicht schlimme Finger hatte (der Rheumatismus sie quälte), einen Rohrstock mit in der Hand.“

Ist es Dir unangenehm, wenn ich noch einmal über die Angelegenheit F. mit Dir rede?
(Bemerkung: Das folgende Thema handelt von der Ära des Rektors F. Die ursprüngliche Absicht, den gesamten, bereits fertig gestellten Text mit allen Zitaten an dieser Stelle einzufügen, habe ich aufgegeben (siehe oben). Ich gebe dieses Gespräch in der Berichtsform wieder.)
Lehrer F. soll sich an etwa drei Mädchen und drei Jungen vergangen haben. Zu diesen Übergriffen habe er auch Jugendliche aus dem Hermann-Luisen-Haus hinzugezogen. Er habe zugesehen, wenn die Jugendlichen sich an den Mädchen vergangen hätten. Betroffen waren überwiegend Kinder, die bei F. Spracheilunterricht hatten. F. habe sie teilweise dadurch stimuliert, dass er ihnen pornografisches Material gezeigt habe. Die ersten Übergriffe sollen bereits auf der Schulfreizeit im Ferienlager „De Pieterberg“ in Holland geschehen sein.
Ingo erzählte eine weitere Geschichte über F.:
„Was mich manchmal geärgert hat, er hat einen Tick gehabt, weil er selbst krank war, wenn es ihm in der Klasse zu viel wurde, und er nicht selbst aufpassen wollte, weil er lieber etwas schriftlich erledigen wollte, nahm er manchmal sein krankes Auge und legte es auf das Pult und sagte: So das passt jetzt auf euch auf.“
Das heißt also, er hat sein künstliche Auge raugeholt?
„Da haben wir Kinder aber vor Angst gehabt. Bis mir mal jemand anderes erklärt hat, was ein künstliches Auge ist, dass es einen nicht beobachten kann. Danach hattest Du die Angst ja verloren gehabt, aber im ersten Moment hast Du gedacht, das Auge sieht Dich immer, egal wo Du jetzt gerade hingehst.“
 

rechts: Er wollte nichts wissen

Wann hast Du das erste mal versucht, mit Pastor Lotze über das JHH zu reden?
Ingo erinnert sich an Anfang 67, als er Pastor Lotze fragte, „ob ich mal zu ihnen rein darf und das wollte er wirklich nicht“. Ingo wollte über seine Schulsituation, über die Jungenstation und über seine sonstige Lebenssituation sprechen.
1974 wollte Ingo die Anstalten verlassen, nachdem er erneut erfolglos versuchte, mit Pastor Lotze zu sprechen, darauf habe ihm der Verwaltungsdirektor seine Chefsekretärin ins Haus geschickt und diese habe versucht, ihm begreiflich zu machen, er möge doch nicht aus der Anstalt ausziehen, weil die Kostenträger 1600 DM für ihn zahlen würden.

Über die Kleinkinderstation: „Wir wurden mit Gurten an den Betten festgebunden“, erzählte Ingo, „damit wir nicht weglaufen konnten.“ Auf die Frage, auf welcher Station dies geschah, erzählt Ingo, dass sich dies auf der Kleinkinderstation zugetragen habe. Wenn Schwester A. nicht da gewesen wäre, hätte auch Schwester J. von der Jungenstation die Kinder angegurtet. Auch auf der Jungenstation habe man ihn am Bett fixiert, insbesondere dann, wenn die Diakonenschüler zum Unterricht waren und nicht genügend Personal zur Aufsicht zur Verfügung gestanden hätte.
Und dann haben die Euch am Bett fixiert?
„Ja, am Bett fixiert, das kann ich beschwören.“ Um ihn zu bestrafen, habe man manchmal sein Bett aus dem Gemeinschaftszimmer herausgezogen auf den Flur. Bei der Gelegenheit hätte er einmal gehört, wie Anstaltsleiter Pfarrer Kalle angerufen habe. Schwester J. sagte: „Guten Tag Herr Pfarrer.“ Ingo: „Da habe ich ganz schnell - das war ja anstrengend - die Gurte losgemacht und hab mich dabei noch verletzt, aber das war mir scheißegal und da hab ich gesagt: ‚Herr Pastor ich stehe hier im Unterhemd am Telefon.’ Und dann kam er nach einer Weile auch hoch und hat mich mit Bonbons von Frau Damrau getröstet“ (Frau Damrau war seine damalige Sekretärin). Er fügte noch an, dass er öfter fixiert wurde, weil er die einzige Person gewesen sei, die noch gut frei laufen und sich gut fortbewegen konnte.
 

Ingo kam auf die orthopädische Versorgung zu sprechen. Dr. K. und Dr. L. hätten ihn mehrfach operiert und er habe sich mal bei denen beschwert, weil er von den Ärzten eine Schiene verschrieben bekommen habe, die ihm die Schwestern aber nie angezogen hätten, weil sie keine Zeit dazu gehabt hätten. „Die Schienen lagen mehr unter meinem Bett als unter meinem Körper.“
Eine weitere Episode:
„Wir hatten mal im JHH eine Frauenhilfe zu Besuch. Die wollten sich so belobigen lassen, weil sie immer so viel schenkten und spendeten für Volmarstein. Und dann kam diese Leiterin – ich habe das erst später erfahren, dass das die Vorsitzende von diesem Frauenverein ist – sie hat dann ein Gespräch mit mir anfangen wollen und dann habe ich zu ihr ganz leise gesagt, weil hinter mir die Elfride H. stand, die Oberin und die Stationsschwester, sie soll gleich noch mal zu mir kommen, wenn wir fast allein wären. Und als sie dann kam, habe ich die Bank hochgehoben und auf das Spielzeug verwiesen und gesagt: Hier liegt ihr Spielzeug. Wir spielen damit nur sehr wenig, wir müssen es aber bewachen. Und dann hat sie das hinterher dem Pastor erzählt und der Pastor hat zu ihr gesagt, ja wenn der Ingo das erzählt, dann ist das wahr.“

Wie hießen denn jetzt die Schwestern, die Dich verhauen haben?
„Ja, das meiste war damals die Stationsschwester selbst, die J. Dann war das eine Diakonisse, die neu angefangen hat, aber die hat nur einmal die Hand erhoben und mich bestraft, weil ich etwas falsch gemacht habe. Da sollte ich für alle die Schuhe putzen und ich habe in meinem Leben noch nie Schuhe geputzt. Weißt Du, was ich gemacht habe? Und danach hat sie mich nie mehr um etwas gebeten. Ich hab die ganzen Schuhe geputzt. Auch unten die Sohle. Und hinterher waren alle Böden mit Strichen und schwarzer Paste und allem...“
Hast Du auch Gewalttaten gegen die behinderten Mädchen beobachtet?
„Nein“, sagte er, „da wurden ja meist die Türen und Vorhänge zugezogen. Aber anhand der Schreie. Ich kann schon unterscheiden, ob das ein gedrungener Schmerz ist oder ein gewollter Schmerz.“
Hat das unten im Speisesaal stattgefunden?
„Meist oben in den Schlafzimmern oder im Flur.“
Hast Du das auf der Jungenstation gehört?
„Ich bin ja neugierig. Bis zur Tür zu gehen, das durfte man uns ja nicht verbieten, aber ich bin dann immer vor den Türen stehen geblieben.“
Es gab auch das Gerücht, dass sich auch die Schwestern an den Kindern sexuell vergangen haben sollen.
Ingo erzählte, dass er gesehen hätte, dass die Schwestern junge Helfer oder Helferinnen angestiftet hätten, die Jungen im Genitalbereich besonders intensiv zu waschen. Wenn dann Helfer oder Helferinnen meinten, genug getan zu haben, dann hätte J. immer wieder aufgefordert, noch gründlicher zu waschen. Dieses hätte zur Folge gehabt, dass die Jungen eine Erektion und in der Folge eine Ejakulation gehabt hätten und sich dafür sehr geschämt hätten. Ingo: „Ich weiß doch, ob ich einen wasche oder einen befriedige. Aber wenn ich jemanden nötige, einem Jungen die Eichel zu waschen und da ist nichts und sie sagt, da ist doch etwas, dann ist doch klar, dass die das nur wollte.“ 
Ist das oft passiert?
„Drei mal habe ich es gesehen.“
Haben nur die Helferinnen und Helfer sexuelle Manipulationen an den Jungen vorgenommen?
„Die Schwester hat sich auf Anweisungen beschränkt.“
Sie hat also die Anweisung gegeben, wasch einmal da und wasch einmal da?
„Ja.“
Wie alt waren denn die Jungen?
„Der Jüngste, und ich selbst war damals, als es das letzte mal passiert war 11 Jahre, wo ich sowas mal gesehen habe und dann bin ich mit 12 Jahren ins Oskar-Funke-Haus gekommen. Und da haben wir erst erfahren, dass das nicht Waschen sondern Sexualität ist. Vorher wussten wir das ja gar nicht.“
Bei wie viel Personen hast Du das gesehen?
„Drei Stück.“ Danach nannte er zwei der Betroffenen namentlich. Auch an ihm wurde sich einmal in der Badestube in der beschriebenen Form sexuell vergangen. „Der eine war ein männlicher Mitarbeiter zur Aushilfe, der später Diakonenschüler werden wollte und der andere war eine Aushilfe, das weiß ich ganz genau.“
Ingo weiter: „Wir hatten ja auch Jungen, die mussten ja damals auch viel gewickelt werden (Begriff für Windeln wechseln). Und da hatten wir mal einmal eine Aushilfe gehabt, der hat sich hinterher versetzen lassen und das hat er selbst dem Bruder C. (damaliger Brüderhaus-Vorsteher) gestanden, er kann die Jungen nicht in Windeln sehen und erleben, weil er sich dann erregt fühlt. Er hatte sich immer gefreut, wenn er Frühdienst hatte und musste dann die Windeln sauber machen. Für andere war das Ekel-Arbeit und für ihn war das ein Höhepunkt der Erregung.“
Hast Du das Gefühl, dass Dich das Gespräch aufregt oder anstrengt?
„Ich rede darüber, weil ich weiß, es gibt noch schlimmere Dinge und denen Unrecht geschehen ist, kann auch dadurch geholfen werden.“

Mit wie viel Jahren kamst Du zum JHH?
„Mit drei.“
Und wie viele Jahre warst Du auf der Kleinkinderstation?
„So bis kurz vor dem 6. Lebensjahr, wir durften ja nicht länger bleiben, das hieß ja Säuglingsstation.“
Wie habt ihr die Mittagspause auf der Säuglingsstation verbracht?
„Da musste man auf der Bank sitzen und warten, bis die um 4 Uhr aus der Freistunde da rauskamen. Und was auch sehr unmöglich war: Du musstest immer mittags auf diese kleinen Töpfchen, immer Deinen Stuhl machen. Viertel nach 12 wurdest du raufgesetzt, egal ob du gemacht hast oder nicht.
Um welche Uhrzeit fing die Mittagsruhe an?
Ja meist kurz vor 2 bis kurz vor 4.“
In der Zeit, in der Mittagsruhe war, wo saßest ihr da?
„Halt um den Tisch herum.“
Wurde denn auf der Säuglingsstation auch Gewalt ausgeübt?
„Ja, aber nur, weil die in Überdruck waren, weil sie nicht alle auf einmal beschäftigen konnten.“
Und was haben die da getan?
„Das meiste war das Festbinden auf dieser Bank.“
Wie war das mit der Zwangsfütterung auf der Jungenstation, hast Du das selbst gesehen?
„Ich habe das einmal selbst erfahren bei Graupensuppe und dann habe ich ja nie wieder Essen verweigert.“
Und kannst Du erzählen, wie das war?
„Ich weiß genau, dass die Schwester auf den Knien war.“
Wie hieß sie?
„Schwester J. Und der andere hielt ihr den Teller, während sie mit der einen Hand löffelte und mit der anderen Hand den Mund aufhielt.“
(Zwischenbemerkung: Zur besseren Verständlichkeit werden die Sätze in diesem Bericht gelegentlich umformuliert.)
Ingo weiter: „Und zweimal bin ich durch den ganzen Saal gezogen worden und, weil das ja früher strenger Holzboden war, war hinterher mein Po und mein Rücken so versplittert, dass ich am anderen Morgen zu Frau Damrau gegangen bin und gesagt habe: Wollen Sie mal Strafe sehen? Und dann habe ich mein T-Shirt hochgezogen und dann hat sie noch meine Splitter im Rücken gesehen. Auch wenn ich mit dem Knie was hatte oder anderswo von Schlägen, dann habe ich ihr gesagt: Hier, da hat sie wieder gehauen. Die schwarze Trainingshose ist dann immer beim Ziehen runtergerutscht, sie hat ja an den Armen gezogen oder manchmal in den langen Haaren und dann hatte ich den Rücken frei und den Po und dann haben sich da die Splitter festgesetzt.“
Wer hat an den langen Haaren gezogen?
„Entweder die Stationsschwester selbst (Schwester J.) oder die gerade, die Aufsicht hatte. Die wollten einen ja nur ins Bett schmeißen. Dann hat sie erst bis zum Aufzug gezogen und vom Aufzug bis zum Bett und das waren die Splitter, die mich dann überzogen.“
Dann hat also nicht nur Schwester J. die Kinder über den Holzboden gezogen?
Wenn sie oder andere frei hatten, dann hätten schon mal andere Mitarbeiter dieses übernommen, so Ingo weiter.
„Ich bin dreimal mit dem Holzboden in Berührung gekommen. Das weiß ich ganz genau.“
War das eine Andere oder waren das noch mehrere Andere?
„Zwei Andere waren das.“
Also neben den zwei anderen kam noch Schwester J. hinzu?
„Aber Schwester J. war die Haupttreibende. Sie hatte ja den Stationstitel. Die anderen waren ja nur Schwesternhelferinnen.“

Wie waren Deine Beziehungen zur Lehrerin S. T.?
„Wenn ich nur den Namen hörte, dann war ich schon krank.“
Hat sie Dir denn irgend etwas getan?
„Sie hat mal in meinem Beisein jemandem Anderen was runtergehauen und da hatte ich sofort Angst vor ihr.“
Mit welcher Lehrerin außer H. hattest Du sonst zu tun?
Ingo habe kurze Zeit mit Frau H. und mit Frau S. zu tun gehabt. Lehrerin S. habe die Milchzähne, die die Kinder verloren hätten, gesammelt, ausgekocht und daraus eine Kette gemacht.
Ich muss noch mal nachfragen. Was hat das mit dem Auge von Herrn F. auf sich?
„Der Herr F. hatte durch die Kriegsverletzung eine Augenverletzung gehabt. Und wenn er in der Schule die Ruhe haben wollte, hat er das Auge (Glasauge) genommen und auf das Pult gesetzt und gesagt: ‚Das passt jetzt auf.‘ Dann hat er sich verzogen, um seine Schreibarbeiten zu machen. Und wir wussten ja nicht, dass das ein Glasauge war und darum hatten wir immer Angst, dass das Auge uns verfolgt. Und einmal ist es ausversehen – und da hat er selbst auch große Angst gehabt – runtergerollt. Und da haben wir noch gedacht, es läuft uns hinterher. Es blieb dann in der zweiten Reihe stehen, aber wir hatten Angst, es kommt auf uns Kinder zu. Man weiß ja nicht, dass es nicht mehr lebt.“
Ingo erzählte weiter, dass er eigentlich nur bei der Lehrerin H., die auf der Säuglingsstation unterrichtete, war. Zwischenzeitlich kam er in die Klinik zu einer Lehrerin Sch.: „Die war gut zu uns.“ Kleine Episode: „Ich bin wegen Frau Sch. einmal bald aus dem Fenster gefallen. Weil ich mich so gefreut habe, ich hab die Leute ja selten gesehen hier auf dem Anstaltsgelände. Das Fenster war auf und ich wollte nur zu ihr rufen: ‚Guten Morgen meine Namensvetterin Schmidt’ und weil ich mich über das Fenster gebeugt habe, wäre ich beinahe hinaus gefallen.

Wie war Dr. K. zu den Kindern im JHH?
„Streng.“ Ingo erzählte weiter, K. habe ihm aber nichts getan, weil er immer mit seinen zwei Kindern gespielt hätte.
Hattest Du im JHH Momente, in denen Du panische Angst hattest?
„Ja, immer, wenn man sagte: ‚Wenn Du nicht anständig bist, kommst Du gleich in die Leichenhalle.’ Ich war dreimal in der Leichenhalle drin gewesen. Schwester J. hat uns ja unten auch einmal den Raum gezeigt. Ich weiß noch, dass da dunkelrote Vorhänge waren und zwei Marmorplatten waren, wo die Särge drauf abgestellt wurden.“
Haben die Euch auf der Säuglingsstation auch mit der Leichenhalle gedroht?
„Wir haben doch auf der Säuglingsstation besonders in Angst darüber gelebt, denn der Spielplatz war ja direkt an der Leichenhalle.“
Die Schwestern haben Dir auf der Säuglingsstation gedroht: „Wenn Du nicht artig bist...?“
„Auch auf der anderen Station.“
Aber auch auf der Säuglingsstation?
„Ja, weil die wussten, da hatten alle vor Angst.“ Auch vor den Leichenautos, die da hielten, habe er Angst gehabt. Diese dreimal, die er in der Leichenhalle war, waren aber nicht infolge einer Strafmaßnahme. Er wäre einfach neugierig darauf gewesen, was da unten sei. Ingo verstand einen dieser drei Besuche quasi als „Angsttherapie“. „Man kann ja nicht nur immer drohen.“
„Meine erste Bestrafung muss mit dem 4. Lebensjahr gewesen sein. Ich habe das mal mit Adolf H. (damaliger Diakonenschüler) überlegt.
Wie sah diese Strafe aus?
„Ja, das war mit Bett festbinden und dass du in den dunklen Keller kommst.“
Ich fragte ihn, ob er sich an den Essensaufzug auf der Kinderstation erinnern könne und daran, dass manchmal Kinder in den Aufzug gesteckt wurden.
„Man hatte auch aus Spaß mal Kinder, die nicht so groß waren, direkt in der Mitte reinlegt, damit er das dunkle Loch sah. Und dann wurde der Aufzug gezogen“ (über zwei Etagen hinweg). Er erinnerte sich daran, dass er einmal durch den Aufzug von der Kinderstation zur Frauenstation geklettert sei. „Aber wie ich das geschafft habe, das weiß ich nicht, weil ich Angst vor Schlägen und anderem hatte.“
Habe ich das eben richtig verstanden: Deine allergrößte Angst hattest Du, wenn man Dir mit der Leichenhalle gedroht hat? (Ich stellte diese Frage erneut, weil ich die Komponente „Angst wegen Androhung der Verbringung in die Leichenhalle“ bis zu dem Gespräch noch nicht kannte.)
„Vor der Leichenhalle hatte ich mehr Angst als vor dem Aufzug. Beim Aufzug wusste ich, das sind ja nur zwei Stockwerke, aber bei der Leichenhalle wusste ich nicht, wie man wieder rauskommt. Das haben wir ja nie erlebt. Und die war ja sehr dunkel, die Kammer, ich war ja dreimal (allerdings nur zur Befriedigung der Neugierde s.o.) drin.“
Um noch einmal sicherheitshalber nachzufragen: Wo fingen die Drohungen an? Fingen die auf der Jungenstation an? Oder auf der Säuglingsstation?
„Ja, aber weniger, da waren wir ja angeblich noch liebe Kinder. Hinterher waren wir ja böse Kinder.“
Sie haben aber auch auf der Säuglingsstation...?
„Ja, ja, aber nicht so stark wie auf der J. - Station (Jungenstation unter Leitung von Schwester J.). Auf der J - Station hat man uns ja auch voll zu verstehen gegeben, dass wir böse Kinder sind. Auf der Säuglingsstation waren wir ja liebe Kinder von A. (Stationsleitung).“

Ingo erzählte die Episode, wie Anstaltsleiter Pastor Kalle ihn und auserwählte Kinder ab und zu auf die Frauenstation zu den Hausandachten auf der Frauenstation eingeladen hat. Da sagte er einmal zu ihm: „Ja tagsüber werden wir hier runtergeputzt und einmal in der Woche hältst du hier deinen Gottesdienst. Das widerspricht sich doch. Und da wurde er doch hellhörig. Also Pastor Kalle hat uns mehrmals angehört, aber Pastor Lotze wolle davon nichts wissen.“
An welche schöne Zeit aus dem Johanna-Helenen-Heim kannst du dich erinnern?
 „Also, an die Weihnachtsfeste ein bisschen und die anderen Feste. Aber Weihnachten war ein bisschen traurig. Da musste man sich das Würstchen durch drei oder mehr teilen, weil die immer zu wenig Würstchen hatten, aber Kartoffelsalat zu viel. Und wenn du dann der Jüngere warst, bekamst du nur ein viertel. Die Stücke wurden nach Alter aufgeteilt.“
Hatten denn die Schwerstern dasselbe schlechte Essen?
 „Nein, die hatten anderes gehabt. Die saßen ja auch an einem anderen Tisch. Die bekamen nicht dasselbe, wie wir. Sie aßen auch aus anderem Geschirr.“
Hast du denn gesehen, was die anderen zu Essen hatten, Ingo?
„Ja, man konnte es mal sehen, aber es wurde ja fast vor uns versteckt. Manchmal haben sie den Küchenvorhang davorgezogen, damit wir es nicht sehen. Da war ja der kleine Erwachsenentisch, der nah am Vorhang war, und meist haben sie dahinter gesessen.“
Eine Mitschülerin hatte berichtet, die Schwestern  hätten auch Hähnchen gegessen.
„Nicht nur Hähnchen. Ich kann mich auch an Gedeck und an einen guten Gang (damit meint er mehrere verschiedene Essen) erinnern, aber ich weiß ja nicht, ob das nur besonders war, weil Geburtstag war. Aber der Schwesterntisch sah immer sehr üppig aus.“
Ingo erzählte weiter: „Die anderen hatten auch damals die Möglichkeit - und das hatten wir als junge Leute auch gemacht, unten bei dem Steinmetz, der auch Zahnarzt war, Eier zu kaufen und Hühner und damit konnten sie sich Gerichte machen. Der Steinmetz hat die Eier zu 26 Pfennig damals verkauft.“
Was habt ihr auf euren Butterbroten gehabt?
„Meist Marmelade, und wenn gar nichts war, dann nur diese Art Schmalz und bisschen Geriebenes. Das weiß ich noch, das hat die A. sehr viel gemacht.“
Hat es auch Käse gegeben?
„Das habe ich erst viel später erlebt.“
Hat es Wurst gegeben?
„Marmelade, Honig, Marmelade, Honig.“
Hat es auch Eier gegeben?
„Ganz selten. Sonntags meistens und mittwochs, wenn Besuch da war. Mittwoch und Sonntag war ja damals immer Besuchstag, wenn die Angehörigen überraschend im Raum standen... Da hat es manchmal auch einen Stuten gegeben, sonst immer nur dieses Graubrot.“
Wie war das Graubrot? Frisch oder hart?
„Manchmal war es, wenn man es nicht rechtzeitig gesehen hat, schon schlecht von der falschen Aufbewahrung. Ich habe auch schon mehrmals verschimmeltes Brot auf den Teller gekriegt. Und dann durfte man nichts sagen, dann hieß es, es wird gegessen, was auf dem Teller ist. Und nachher hattest du Brechreiz und es wurde dir schlecht.“
Hat es denn zum Abendessen etwas anderes auf den Tisch gegeben?
„Ich meine, abends hat es mehr diese Art Schwarzbrot gegeben.“
Und war da denn herzhafter Schinken drauf?
„Das kam erst viel später.“ Dann erzählte Ingo, dass es überwiegend Leberwurst und Teewurst und fettige Wurst gegeben habe.
Jetzt noch eine Frage Ingo, wie viel bekamt Ihr denn am Tag zu trinken?
„Das war unterschiedlich. Das war mehr wie unterschiedlich. Wenn du ein Bettnässer warst, hast du nur eine halbe Tasse morgens gekriegt. Wenn du laufend deine Windeln voll hattest und Hose kriegtest du nur den ganzen Tag eine halbe Tasse.“
Den ganzen Tag?
„Musstest du dir einteilen. Und wenn du selber zur Toilette gehen konntest, dann konntest du trinken, wie du wolltest. Aber wenn du Bettnässer warst, dann wurde dir das eingeteilt.“
Jetzt mal ganz ehrlich, halbe Tasse. Kannst Du das bezeugen?
„Ja.“
Dass einige am ganzen Tag nur eine halbe Tasse gekriegt haben?
„Ja, ja. Und deshalb haben die lieber mehr getrunken beim Zähneputzen als bei den normalen Mahlzeiten.“
Die haben sich also ihren Bedarf geholt quasi über das Zähne putzen?
Dann erzählte Ingo die Geschichte, dass ein Querschnittsgelähmter an den Klinikautomaten gegangen sei und zwei Cola gezogen habe. Als er die Schwester kommen sah, habe er die Cola in seine Hosentaschen getan und durch das schnelle Laufen sei eine Flasche explodiert und habe ihn verletzt.
Und die, die sich nun selbst helfen konnten, durften die auch, meinetwegen, drei Tassen trinken?
„Nein, wenn die die Gnade hatten, dass die Schwestern dir die Kanne zweimal reichten, dann war das schon großzügig. Du kamst ja als Behinderter gar nicht an die große Kanne selber ran. Die schöpften dir ja deinen Teil mit der Schöpfkelle in den Becher rein, du selbst durftest ja das Material gar nicht benutzen. Ich habe im JHH nie eine Schöpfkelle oder ein Messer oder eine Gabel in der Hand gehabt. Das habe ich erst im Oskar-Funke-Haus kennengelernt.“
Kannst Du Dich denn noch daran erinnern, wie viel Du auf der Säuglingsstation trinken durftest?
„Ich habe trinken dürfen, wann ich wollte.“
Und was habt Ihr auf der Säuglingsstation zu essen gehabt?
„Ich weiß nur, dass ich auf der Säuglingsstation einen Notteller hatte und da konnte ich hingehen und etwas zu essen holen. Und bei der J. (Jungenstation) hieß es immer: ‚Extrawürste gibt es nicht.’ Da bin ich manchmal runtergegangen und habe mir bei der Ida in der Küche selbst etwas geholt“ (der besagte Notteller war ein Teller, auf dem immer etwas lag für den Fall, dass die kleinen Kinder Hunger hatten, - dort konnten sie zugreifen).

Die Unterhaltung, die wir jetzt die ganze Zeit führen, ist die anstrengend?
„Nein, sie tut nur Narben öffnen, die eigentlich schon verheilt waren, aber ich stehe über diesen Narben. Aber es tut trotzdem weh, man hat seine Kindheit und Jugend verloren und 6 Operationen waren dabei. Du hattest ja vor jeder Operation Angst, die längste Operation inklusive Behandlung hat ja zweieinhalb Jahre gedauert.“
Ingo: „Ich habe ja noch erlebt, wie Dr. K. sich die Beine gebrochen hat.“
Warum?
„Ja, weil er vom ersten Stock mit zwei Kindern gesprungen ist, weil es gebrannt hast.“ Damit bezog er sich auf einen Brand, der in der Orthopädischen Klinik stattgefunden hat, wo Dr. K, der später Chefarzt wurde, durch den Sprung vom Balkon zwei Kindern das Leben gerettet haben könnte. „Und der Dr. L. hat ja dem K. die Beine wieder hergerichtet, der K. hatte ja beide Beine gebrochen.“
 

Anschließend erzählte Ingo eine eher fröhliche Episode. Dr. K habe einmal seinem Arzt Dr. M. verboten, dass dieser ihm orthopädische Schuhe verschreibe. „Und da habe ich zu Dr. M. gesagt: ‚Ja, was soll ich denn jetzt machen, ich kann doch nichts gegen deinen Chef machen.‘ Da sagte Dr. M.: ‚Dann musst Du zum Gesundheitsamt Schwelm fahren, die stehen über meinem Chef und über der Klinik.’ Und da habe ich gesagt: Ist gut, ich nehme meinen Ausweis und fahre nach Schwelm zum Gesundheitsamt. Ich habe dann bei einem Herrn Dr. Hoffmann vorgesprochen und der war so begeistert, dass ich mich durchsetze und hinterher hat Dr. K. mir selbst das Rezept unterschrieben statt Dr. M. Und ich habe meine Schuhe bei Herrn Rohr (Orthopädieschumachermeister) bekommen.“

Welche Diakonenschüler hast Du in liebevoller Erinnerung und bei welchen hattest Du eher unangenehme Erinnerungen?
„Die kenne ich ja nur noch vom Gesicht her, die beiden besten waren ja der Adolf Harms, der Bruder Twer und der Bruder Zimmer. Vorher hatte ich schon die Ursula (Ehefrau von Diakon Zimmer) als Schwester auf der Station. Die war ja bei uns als Kinderschwester auf der Anna-Station (Säuglingsstation).“
Was hast Dir an Bruder Twer gut gefunden?
Diese Frage stellte ich, weil Ingo mir in einem Vorgespräch ohne Tonaufzeichnung eine Episode erzählte, die nachfolgend noch einmal wiedergegeben wird.
„Dass er mir damals die Freiheit gab, so in der Gruppe zu leben, wie ich durfte. Aber er ja dafür bestraft und beschimpft wurde. Und das war ja dann der große Knall mit Kalle und J. als ich die J. bei Kalle verpetzt habe und geschimpft habe, weil ich das nicht mehr ertragen konnte. Und ich hab mich ja für die Brüder bei Bruder T. (Brüderhausvorsteher) eingesetzt, dass die menschlicher arbeiten dürfen und nicht unter so einem Diakonissenzwang und da hat es ja Radau gegeben. Ich war der Einzige, der sich damals über Bruder F. und Schwester J. beschwert hat bei Bruder Theurer.“
Und warum über Bruder F.? (Hausleiter des Franz-Arnd-Hauses)?
„Ja, da habe ich doch immer den Dieter H. und die beiden anderen im Franz-Arnd-Haus besucht und habe gesehen, wie unmenschlich die Patienten da im Haus behandelt wurden und das hab ich dem Bruder T.erzählt.“
(Dieter H. und die beiden anderen waren ehemalige Kinder aus dem JHH und kamen im Zuge der Neueröffnung des Oskar-Funke-Hauses von der Kinderstation direkt in das Franz-Arndt-Haus.)
Und wie hat Bruder F. dann gehandelt?
„Ja, der hat mich zusammengestaucht. Der hat gesagt: ‚Hier bin ich der Hausvater; wenn du was hast, dann hast du zu mir zu kommen und nicht zu Bruder T., das hätten wir unter uns regeln müssen.’“
Wie hat er denn die Behinderten, den Dieter H. und den anderen behandelt?
„Unwürdig. Unwürdig, nicht richtig die Körperpflege. Wenn man die besuchen kam, dann war immer die Urinflasche voll. Oder der eine Pfleger, wenn der unten mit den Leuten Eis aß, hat immer dem einen Opa mit der Glatze den leeren Eisbecher auf den Kopf geklebt. Und der Opa wollte das eigentlich nicht. Nur weil er nicht sprechen konnte, weil wegen seiner Behinderung die Zunge aus dem Mund hing, musste er sich alles gefallen lassen. Und das hab ich dann dem T. mal in einer ernsten Stunde erzählt.“

Dann sind also die Gewalttätigkeiten nicht nur im JHH gewesen?
„Nein. Allein wegen dem Franz-Arnd-Haus bin ich 3 mal bei T. gewesen, weil, mir tat das leid, dass die so jung im Franz-Arnd-Haus lebten. Der Dieter war damals 16, 17 als er ins Franz-Arnd-Haus kam und als er starb, war er 23.

Kannst Du Dich noch daran erinnern, als Du Pastor Lotze das erste mal auf das JHH angesprochen hattest?
„Ja, das war Anfang 67 als er das erste mal von Wengern hier hinkam.“ (Rudolf Lotze war zuvor Gemeindepfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde in Wetter-Wengern)
Ingo: „Und da hat er mir gleich zu Verstehen gegeben, dass er das nicht möchte und da war ich also so verbittert, da hab ich zu Frau Damrau (Chefsekretärin des Anstaltsleiters) gesagt: ‚Mit so einem möchte ich nicht mehr weiterarbeiten‘ und dann hab ich mich an einen Anwalt gewandt, den mir das Amtsgericht durch Armenanwaltschaft zugestellt hat und habe mir hintenrum die Liselotte Funke warm gehalten.“
Zwischenbemerkung: Liselotte Funke war Bundestagsabgeordnete, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und gehörte zum Kuratorium der Volmarsteiner Anstalt. Sie hatte selbst zwei behinderte Schwestern in der Einrichtung.
Und wie waren die Kontakte zu Liselotte Funke? Hast Du sie zu Dir geholt oder...?
„Sie hat mich angehört und hat mich einmal besucht. Und damit war für mich die Sache vergessen.“
Und der Frau Funke hast Du die ganze Geschichte erzählt?
„Ja, aber sie wusste ja schon vieles, weil sie ja ihre Schwestern in Volmarstein hatte.“
Jetzt haben wir uns lange unterhalten. Bist Du damit einverstanden, dass wir die ganze Sache ins Internet stellen?
„Ja, ich bin damit einverstanden.“

 

oben: Er wollte nichts wissen