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Stellungnahme zur Volmarsteiner Erklärung - D. Ulrich Bach, Pastor i. R.

Ulrich Bach, Brief an Vorstand, Kuratorium und Aufsichtsrat der ESV vom 31.8.2006


Vorbemerkung
Bei der Aufarbeitung der Schreckensjahre in den Volmarsteiner Kinderstationen pl√§diere ich f√ľr eine "vers√∂hnende Aufarbeitung". Gemeint ist: Vers√∂hnung wird nicht nur als Ziel ins Auge gefa√üt; sie pr√§gt als Proze√ü von Anfang an die Einstellung und das Tun der an der Aufarbeitung beteiligten Personen. Konkret:
‚ÄĘ Es mu√ü von allen als normal und richtig anerkannt werden, wenn damals Geschundene heute mit sch√§rfsten, auch verletzenden Worten von dem berichten, was sie gelitten haben. Wer in solchen Situationen widerspricht und 'vers√∂hnlichere' Worte einklagt (die in erstaunlichem Ma√üe gelegentlich auch schon jetzt anzutreffen sind), gef√§hrdet oder verbaut so die Vers√∂hnung als Proze√ü und damit m√∂glicherweise auch als erreichbares Ziel. Schon in meinem Leserbrief an UK vom 9.4.2006 sagte ich, von den Einrichtungen sei jetzt ein hohes Ma√ü an "Nehmer-Qualit√§ten" gefordert.
‚ÄĘ Von uns anderen (also von allen, die in ihrer Kindheit nicht st√§ndig Angst vor dem Gepr√ľgelt-Werden haben mu√üten) ist mehr zu verlangen, unter anderem: Disziplin in sprachlicher Hinsicht. Das bezieht sich einerseits auf die damals Geschundenen. Ich war in den letzten Jahren vielfach √ľberrascht √ľber das Ausma√ü der Aggressionen, das, aus dem Munde oder der Feder eines heute Verantwortlichen, einzelne W√∂rter ausl√∂sen k√∂nnen, wie: "gelegentliche" Qu√§lereien, mancherlei "Lieblosigkeiten", gewisse "Vorkommnisse". - Diese Disziplin bezieht sich aber auch auf Kontroversen, zu denen es unter den (ehemaligen) Mitarbeitern und heute Verantwortlichen kommt. Aus einer solchen Kontroverse stammt der folgende Text.

Die "Freie Arbeitsgruppe JHH 2006", zu deren Gr√ľndungsmitgliedern ich geh√∂re, von der ich mich aus gesundheitlichen Gr√ľnden aber inzwischen verabschieden mu√üte, bat mich um Freigabe dieses Textes f√ľr ihre Homepage. Als ich vor zwei Jahren diesen Brief schrieb, war die (gleich zur Sprache kommende) Kontroverse so verbissen, da√ü auch manche Formulierung sehr scharf geriet; ich gebe zu, sie sollten damals den Adressaten auch attackieren. Und diese Sch√§rfe mu√ü ich mir heute verbieten. Ein heutiges "Nachtreten" k√∂nnte eine "vers√∂hnende Aufarbeitung" nur erschweren. Gleichzeitig mu√ü ausgeschlossen bleiben, da√ü damit die f√§llige Kritik harmloser oder verschwommener wird. Unser damaliger Gespr√§chspartner wird sich ohnehin √ľber diesen Text vermutlich √§rgern m√ľssen wegen der deutlich benannten Fakten, die gewi√ü nicht zu seinen Ruhmestaten zu z√§hlen sind, die aber nicht verschwiegen werden d√ľrfen, weil eine gr√ľndliche Aufarbeitung zwischen "erster" und "zweiter Schuld" (im Sinne Ralph Giordanos) unterscheiden mu√ü; diese sich auf 2006 beziehenden Fakten mildere ich nicht ab. Aber jene Formulierungen, die damals wichtig gewesen sein m√∂gen und √ľber die er sich heute zus√§tzlich, aber unn√∂tig √§rgern m√ľ√üte, nahm ich heraus.

- - - - - - - -

Freie Arbeitsgruppe                                                                  JHH 2006F√ľr die Gruppe schrieb:
                                                                                                     D. theol. Ulrich Bach, Pastor i.R.
                                                                                                     Weidenstra√üe 21
                                                                                                     58566 Kierspe-R√∂nsahl
                                                                                                     T.: 02269 / 657
                                                                                                     am 31.8.06
Herrn
Pfarrer Ernst Springer
- Vorstandssprecher der Evangelischen Stiftung Volmarstein -
Hartmannstraße 24
58300 Wetter


Kopie: An den
Vorsitzenden des Aufsichtsrats und des Kuratoriums der ESV
Herrn Dipl.-Phys. Hans-Dieter Oelkers
Max-Planck-Str. 54
58093 Hagen



"Aufarbeitung" der Mißstände im JHH (ca. 1950-1965)



Sehr geehrter Herr Pfarrer Springer!

Sie haben eingeladen zu einem Treffen der Ehemaligen und der heute Verantwortlichen zum 24. September - besten Dank. In Vorbereitung auf dieses Treffen reflektierte unsere Gruppe den bisherigen Weg der Aufarbeitung und stieß dabei auf erhebliche Defizite. Daß wir Ihnen unsere Stellungnahme hier in Schriftform vorlegen, hat mit darin seinen Grund, daß zu dem von Ihnen festgesetzten Termin voraussichtlich nur zwei Mitglieder unserer Gruppe in Volmarstein sein können.

Wir zitieren aus dem 'Leitbild ESV - Entschieden f√ľr das Leben' von 2001:

"Unser diakonisches Handeln ... sucht in der sozialen Konkretion die Emanzipation, Integration und Partizipation der betroffenen Menschen. Wir begegnen ihnen als unseren Partnern ...: freundlich, respektvoll, zuvorkommend, nach ihren W√ľnschen fragend, ihnen zu ihrer Zufriedenheit dienend." ('100 Jahre ESV', Seite 380).

Auch die Aufarbeitung der von Ihnen wie von uns als gro√ües Unrecht empfundenen Johanna-Helenen-Heim-Vergangenheit kann nur partizipatorisch gelingen, das hei√üt: in Kooperation mit ehemaligen JHH-Bewohnern und ehemaligen Mitarbeitern. Da wir eine solche Gruppe sind (f√ľnf ehemalige JHH-Internats-Sch√ľler und zwei ehemalige Mitarbeiter), fordern wir:

1) Wir m√ľssen endlich in den Proze√ü der Aufarbeitung partizipatorisch als gleichberechtigte, also mit entscheidende Partner einbezogen werden. Auf unsere Angebote einer Zusammenarbeit bekamen wir bisher kein positives Echo (vgl. die Anlage, Punkt 2).

2) Die sogenannte "Entschuldigung", die Sie in Ihrem ausf√ľhrlichen Schreiben vom 20.6.06 formulieren, ist ohne jede R√ľckfrage an uns zustande gekommen und stellt, im Zusammenhang des Gesamttextes, eher eine erneute Kr√§nkung dar, wodurch sie v√∂llig inakzeptabel wird (vgl. Anlage, die Punkte 3 und 4).

3) Das Material, das unsere Gruppe bisher zusammentrug, war gedacht als unser Beitrag zu einer gemeinsam mit der ESV zu erarbeitenden Ver√∂ffentlichung. Sollte eine partizipatorische Zusammenarbeit mit uns f√ľr die ESV weiterhin unerw√ľnscht bleiben, denken wir an eine eigene Ver√∂ffentlichung, in der wir gewi√ü auch erkl√§ren sollten, weshalb sie ohne die ESV erstellt werden mu√üte.

Wir bitten Sie um Ihre schriftliche R√ľck√§u√üerung.

Mit freundlichem Gruß, im Auftrag der Gruppe,


Anlage

 
Freie Arbeitsgruppe JHH 2006                                             F√ľr die Gruppe schrieb:
                                                                                                   D. theol. Ulrich Bach, Pastor i.R.
                                                                                                   Weidenstra√üe 21
                                                                                                   58566 Kierspe-R√∂nsahl


Anlage zum Brief

"Freie Arbeitsgruppe JHH 2006" an Herrn Pfarrer Springer
vom 31.8.06


Stellungnahme zum Schreiben des Vorstandssprechers
Pfarrer Springer vom 20.6.06 (dazu sein Anschreiben 26.6.06)


Vorbemerkung: Dieser Brief ist ein Gruppenbrief.
Als ich, D.theol. Ulrich Bach (Pastor i.R.), meinen Brief, den ich mit Wissen der Gruppe begann, fertig gestellt hatte, legte ich ihn den anderen Gruppen-Mitgliedern vor mit der Frage, ob ich ihn (a) als meinen pers√∂nlichen Brief schicken solle, oder ob (b) der einzelne sagen k√∂nne: "Dieser Brief stimmt so sehr mit meiner Sicht, meinem Anliegen, meinen Erfahrungen und Zielen √ľberein, da√ü ich es wichtig f√§nde, wenn wir die Punkte "1" bis "5" als einen Brief unserer Gruppe an das ESV-Kuratorium richteten". Ohne Ausnahme entschieden sich alle f√ľr "b".



Sehr geehrter Herr Pfarrer Springer!

1)
Unsere Gruppe begr√ľ√üt es ausdr√ľcklich, da√ü die ESV endlich die menschenrechtsverletzenden Vorkommnisse auf den Kinderstationen und in der Schule des JHH in den Jahren ca 1950 bis 1965 thematisiert in der Absicht, dieses Thema gr√ľndlich aufzuarbeiten.

2)
Unsere Gruppe nimmt mit Befremden wahr, da√ü Sie seit Wochen, besonders deutlich durch Ihr ausf√ľhrliches Schreiben vom 20.6.06  offensichtlich ohne partnerschaftliche Kooperation mit uns auskommen m√∂chten. Ihre Reaktionen auf Kooperationsangebote unsererseits zeigten: Als Zulieferer von Berichten, Namen und Jahreszahlen sind wir willkommen; Entscheidungen aber √ľber Ziele und Zeitrahmen der "Aufarbeitung" werden ohne uns getroffen. Bei dem anstehenden Thema jedoch geht es notwendigerweise um ein Gegen√ľber: gelitten habende Individuen einer- / Leiden zugef√ľgt habende Institution andererseits. In einem solchen Konflikt ist es grunds√§tzlich fast unm√∂glich, da√ü einseitig der Sprecher der Institution einen Bericht erstellt, der beiden Seiten gerecht wird. (Frage in Klammern: Sollte nicht etwa die Evangelische Fachhochschule Bochum kontaktiert werden mit der Anfrage, ob uns m√∂glicherweise mit der Vergabe einer oder mehrerer Diplomarbeiten geholfen werden k√∂nnte?) In unserem konkreten Fall kommt noch hinzu, da√ü Sie, Herr Pfarrer Springer, mit Ihrem Leserbrief in "Unsere Kirche" (UK 16/06 vom 16.4.06) uns und andere Leser dadurch emp√∂rt haben, da√ü Sie die zuvor genannten grausamen Beispiele aus der schlimmen JHH-Zeit zu relativieren suchten; mit diesem Brief haben Sie u.E. selber den Nachweis geliefert, da√ü Sie als objektiver, unabh√§ngiger und fairer Sachwalter dieser sensiblen Thematik offensichtlich nicht in Frage kommen. Dagegen, da√ü Sie jetzt dennoch als solcher aufzutreten versuchen, kann unsere Gruppe nur mit Nachdruck protestieren.

3)
Vor allem richtet sich unser Protest aber gegen Ihr genanntes Schreiben vom 20.6.06. Dieser Text ist an zahlreichen Stellen ungenau, falsch, unsinnig oder mehrdeutig (vgl. hierzu mehrere Schreiben aus unserer Gruppe, die Sie in diesen Tagen erreicht haben oder erreichen). Heute jedoch geht es uns nur um eine Sache, die wir allerdings nur als einen Skandal bezeichnen k√∂nnen. Es geht um die im genannten Text untrennbare Verkn√ľpfung von Worten der Entschuldigung (S. 3: "... entschuldigen wir uns..."; hierzu vgl. sogleich den Punkt 4) mit einer h√∂chst sonderbaren Darstellung eindeutiger Fakten. Die Rede mu√ü sein von Ihrer Behauptung, sie seien erst jetzt (2006) auf diesen "Fleck" "gesto√üen" (vgl. a.a.O., S. 2: "Wir sprechen diesen Opfern der damaligen Zeit unsere Anteilnahme aus. Wir trauern mit ihnen ... Wir bedauern, jetzt erst ... auf diesen ... Fleck ... gesto√üen zu sein"). Tatsache ist aber (vgl. mein Buch "Ohne die Schw√§chsten ist die Kirche nicht ganz", S. 87-90; dazu die Presse: WR, Lokalteil Wetter und Herdecke vom 15.8.06), da√ü Sie im Mai 1996 (mag sein: nicht erstmalig) auf dieses wohl schw√§rzeste Kapitel der ESV-Geschichte "gesto√üen" wurden. Sie haben also zehn Jahre lang vers√§umt, mit der Aufarbeitung zu beginnen, die Ihnen heute, nach dem Auftauchen des Themas in den Medien (vgl. Leserbrief von Helmut Jacob, UK 19.3.06), wichtig und eilig ist. Da Sie zudem wissen (vgl. Ihren Text, S. 3), da√ü es zur "Gerechtigkeit" diesen Menschen gegen√ľber geh√∂rt, "ihre Kindheitsgeschichte nicht (zu) verschweigen", sind Sie also - und zwar nach dem Ma√üstab, mit dem Sie Ihre Vorg√§nger messen - ein Jahrzehnt lang dieser Personengruppe gegen√ľber die Gerechtigkeit schuldig geblieben. Diese konkrete pers√∂nliche Schuld bei einer Entschuldigung nicht zu erw√§hnen, sondern sie verdecken zu wollen, l√§√üt die von Ihnen ausgesprochene Entschuldigung zur Floskel verkommen, mit der die damals von anderen Geschundenen heute von uns zynisch verh√∂hnt werden - so wird Schuld nicht abgetragen, sondern im Gegenteil noch vermehrt: Fr√ľher nahm man diese Menschen nicht ernst, man konnte sie ungestraft drangsalieren. Heute werden sie offenbar noch immer nicht ernst genommen, man will sie mit Rhetorik abspeisen - aber das lassen diese inzwischen l√§ngst Erwachsenen sich nicht bieten; darum dieser Brief.

4)
Wie eben angek√ľndigt, folgt noch eine Kommentierung der Entschuldigung. Sie, Herr Pfarrer Springer, schreiben in Ihrem Text auf Seite 3: "Namens der Evangelischen Stiftung Volmarstein entschuldigen wir uns, da√ü die Grausamkeiten damals nicht verhindert, unterbunden und geahndet wurden und bitten um Vergebung und Vers√∂hnung." Diese Zeilen verdienen sorgf√§ltige Aufmerksamkeit.
Ein erster Blick: Hier haben wir offenbar die klare und eindeutige Entschuldigung vor uns, auf die viele lange gewartet haben: Da wird nichts beschönigt - Grausamkeiten werden "Grausamkeiten" genannt. Und bei der Entschuldigung redet man nicht um den heißen Brei herum, sondern sagt mit klaren Worten; "entschuldigen wir uns... und bitten um Vergebung und Versöhnung".
Ein zweiter Blick sollte nicht nur die Klarheit der einzelnen W√∂rter beachten, sondern nach der Klarheit des Satzes fragen; und dabei wird man rasch stutzig. Denn von einer aufrichtigen und hinreichend eindeutig formulierten Entschuldigung darf man erwarten, da√ü der Text klar dar√ľber Auskunft gibt, wer (T√§ter) an wem (Opfer) durch was (Tat) schuldig geworden ist. Desgleichen mu√ü da, wo um Vers√∂hnung gebeten wird, deutlich werden, wer (Opfer) gebeten wird, wem gegen√ľber (T√§ter) trotz welcher Vorkommnisse (Tat) 'das Kriegsbeil zu begraben'. Ist unter diesem Aspekt noch immer alles klar, oder kritischer: Ist √ľberhaupt noch irgend etwas klar? Die Vernebelung schandbaren Unrechts gelang Ihnen gro√üenteils schon durch das bekannte Stilmittel, peinliche S√§tze, um ihre Inhalte ertr√§glicher zu machen, nicht in aktivischer, sondern in passivischer Form zu gestalten: 'Der Anstalts-leiter hat nicht verhindert', w√§re eine klare Aussage. 'Es wurde nicht verhindert', l√§√üt Wichtiges offen: Ist √ľberhaupt der Anstaltsleiter Ernst Kalle gemeint oder vielleicht der Vorstands-Vorsitzende Oscar Funcke oder gar die Schulaufsicht oder das Gesundheits- oder Jugendamt (oder wie die Instanzen damals hie√üen)? Wer im Text als T√§ter des Nicht-Unterbindens gemeint ist, bleibt v√∂llig offen; und gleichzeitig: Die wirklichen T√§ter, n√§mlich nicht die Nicht-Verhinderer, sondern die Pr√ľgelnden, Mi√ühandelnden, Bildung Verhindernden usw., also die T√§ter der "Grausamkeiten", die T√§ter, deren Namen sich den Opfern f√ľrs ganze Leben unausl√∂schbar eingepr√§gt haben, sie werden in  dieser ESV-Entschuldigung mit keiner Silbe erw√§hnt. Und gerade sie sind es doch, die den damals Geschundenen noch heute schmerzhaft zusetzen, wenn etwa durch ein zuf√§lliges Stichwort l√§ngst vergangene Szenen brutal wieder lebendig werden. Der zweite Blick sieht mehr Nebel als Klarheit.
Darum ist ein dritter Blick vonn√∂ten, der sich hartn√§ckig durch den Nebel vorarbeitet in der √úberzeugung, da√ü hinter dem Nebel dennoch klare Aussagen zu erkennen sind. Was wird da sichtbar? Da es sich um einen offiziellen Text handelt, ist es v√∂llig korrekt, da√ü die Redenden sich zun√§chst auf der Ebene von Vorstand und Kuratorium sehen: 'Namens der ESV ... wir ...'. Mit dem Wort "Grausamkeiten" kommt eine andere Ebene in den Blick, die Ebene der Mitarbeiter und 'Klienten'. Aber diese Ebene (es ist die Ebene, auf der die Schulkinder von damals heute eine Entschuldigung erwarten) wird sofort wieder verlassen: Es geht nicht um diejenigen, die die Grausamkeiten aus√ľbten, oder die, die sie erleiden mu√üten, sondern um die, die sie nicht vereitelten, also um die Leitungsebenen. Dann mu√ü aber, wenn nichts Gegenteiliges ausdr√ľcklich gesagt wird, auch die erbetene Vers√∂hnung auf dieser Ebene zu sehen sein. Friede, Waffenstillstand erbitten die Chefs; ob dabei an die Bitte gedacht ist, von Regre√üforderungen Abstand zu nehmen, oder an andere Dinge, mag offen bleiben. Jedenfalls ist es eine total andere Ebene, als die, die beim Kaffeetrinken nach einer Silber-Konfirmation pl√∂tzlich sichtbar wurde, als jemand erz√§hlte, eine der damals gef√ľrchteten Diakonissen sei inzwischen erblindet; die einen sagten; prima, jetzt hat sie ihr Fett; andere: so kann ich das nicht sehen, ich bin froh, nicht hassen zu m√ľssen.
Klar ist also: Wenn wir von Vers√∂hnung reden, mu√ü deutlich werden, was wir meinen. Denn Vers√∂hnung kann das Ziel haben: Die Diakonie-Manager k√∂nnen ruhig schlafen, denn jene Schreckens-jahre werden weder finanzielle noch rufsch√§digende noch andere negativen Folgen mehr haben. - Vers√∂hnung kann aber auch das Ziel haben: Die ehemals Geschundenen haben keine Angst mehr. Sie k√∂nnen heute frei √ľber jene Zeit sprechen und sind nicht mehr gezwungen, Schadenfreude zu empfinden, wenn sie von Krankheit oder Ungl√ľck ihrer ehemaligen Peiniger h√∂ren. Damit aber eine solche Freiheit erreicht werden kann, ist ein umfassendes und ehrliches Schuldeingest√§ndnis der heute ESV-Verantwortlichen eine unabdingbare Voraussetzung.

5)
Wir bitten Sie, den Vorstand, ebenso Kuratorium und Aufsichtsrat der ESV, zur Kenntnis zu nehmen: Falls uns diese (in Ihrem Schreiben vom 20.6.06 formulierte) Entschuldigung offiziell vorgelegt wird und wir sie dann ablehnen, wird das nicht an fehlendem Friedens-Willen liegen, sondern daran, daß wir nicht bereit sind, uns im Zusammenhang mit jener Schreckens-Zeit mit einem Satz abfertigen zu lassen, der bei genauem Hinsehen gar nicht zu verstehen ist und in dem wir uns in keiner Weise als auf gleicher Augenhöhe ernst genommene erwachsene Menschen erleben können.

Ratlose Frage zum Schluß:
Sollten die Leitungsgremien der ESV durch die wichtige Sorge um Zahlen und Finanzen so total mit Beschlag belegt sein, da√ü sie die noch heute kaum ertr√§glichen Traumatisierungen, Schmerzen, √Ąngste und Ratlosigkeiten der in Volmarsteiner H√§usern gequ√§lten Menschen noch gar nicht wirklich wahrnehmen konnten?

6)
Nachtrag: Ulrich Bach, persönliche Erklärung
Zugegeben, mein Text ist an mehreren Stellen so scharf, wie Sie es, lieber Bruder Springer, bei mir nicht oft antreffen. Der Grund ist in folgendem zu sehen: Mehrfach wurde mir in den letzten Jahren (oder gar Jahrzehnten) von Betroffenen berichtet, sie h√§tten dem Anstaltsleiter (dabei war mir gegen√ľber nie von Ihnen die Rede) oder Personen, die ihm unmittelbar unterstellt waren, von den fr√ľheren JHH-Zust√§nden erz√§hlt und h√§tten zur Antwort bekommen (sehr verschiedenartig formuliert), das sei zwar schlimm, aber man solle es nicht an die gro√üe Glocke h√§ngen, sonst litte der gute Ruf der Einrichtung. Da ich bei den Betroffenen lernte, wie wichtig es f√ľr die Rettung oder Wiederbelebung ihrer damals an-geschlagenen oder gar zer-schlagenen Menschenw√ľrde ist, da√ü ihnen ohne jedes "aber" zugeh√∂rt wird, und das hei√üt: da√ü "jetzt" nichts wichtiger ist als ihre Not und die Frage, wie sie lebens-ertr√§glich werden k√∂nnte, wurde mein Kopfsch√ľtteln immer aggressiver: Merkt "der" denn gar nicht, da√ü da, wo wichtiger als die genannte Not der Ruf einer Institution genommen wird, die Menschenw√ľrde der damals Geschlagenen heute erneut geschlagen wird? - Auf dem Hintergrund dieser Gespr√§che werden gewi√ü zwei gegens√§tzliche Motive bei mir verst√§ndlich:
a) Meine fast euphorische Reaktion auf Ihren pers√∂nlichen Brief an Herrn Helmut Jacob, mit dem Sie am 23.3.06 auf dessen Leserbrief (UK 12/06 vom 19.3.06) reagiert hatten; am 5.4.06 schrieb ich Ihnen: "Ich √ľbertreibe nicht, wenn ich sage: Ich habe mich riesig √ľber Ihren Brief gefreut; denn hier bricht ein Volmarsteiner Anstalts-Leiter klar mit der Tradition seiner Vorg√§nger." Heute vermute ich, da√ü ich diesen Brief wohl nicht kritisch genug gelesen hatte.
b) Meine gro√üe Entt√§uschung schon bei der Lekt√ľre Ihres Leserbriefes in UK (16/06) vom 16.4.06 (vgl. bereits Punkt 2 dieses Briefes; dazu auch mein Brief an Sie vom 26.4.06), und dann besonders bei der Lekt√ľre Ihres langen Textes vom 20.6.06. Der jetzige Stiftungsleiter hat also doch nicht "mit der Tra-dition seiner Vorg√§nger" gebrochen. jedenfalls nicht "klar". Die Qualen der Gequ√§lten werden (mindestens teilweise) relativiert (vgl. Ihren genannten Leserbrief), mit den Fakten gehen Sie gelegent-lich etwas gro√üz√ľgig um (vgl. Punkt "3" dieses Textes) - so offenbar hoffen Sie, die Dinge rasch abhaken zu k√∂nnen. Tats√§chlich gehen Sie offensichtlich von erstaunlich kurzen Zeiten aus. In Ihrem kurzen Schreiben vom 26.6.06 an diejenigen, die "an der angek√ľndigten Aufarbeitung" mitgewirkt haben, und das Sie Ihrem Text vom 20.6.06 beilegten, hei√üt es, Sie senden uns "diese Aufarbeitung nun zu". Auch wenn der n√§chste Satz einr√§umt, da√ü Sie nach Ihrem Urlaub noch ein paar neue Meldungen erreichen werden, scheint f√ľr Sie die Sache im Grunde abgeschlossen zu sein. Mit welcher Problematik sehen Sie sich eigentlich konfrontiert, wenn Sie meinen, sie in wenigen Monaten vom Tisch bekommen zu k√∂nnen?

Besonders wichtig ist mir: Die augenblickliche Kontroverse zwischen uns beiden wird von mir verstanden und erlebt als harte, aber sachliche Gegnerschaft, nicht als pers√∂nliche und unvers√∂hnliche Feindschaft. Konkreter: Bei meinem Einsatz (oder mu√ü ich schon von "Kampf" sprechen?) f√ľr die Erm√∂glichung eines dauerhaften "aufrechten Ganges" der damals Gedem√ľtigten will ich meinen Wunsch f√ľr Ihren ehrenvollen Abschied in den Ruhestand nicht aus dem Blick verlieren; aber dieser Wunsch darf hier, wo es um die Menschenw√ľrde der uns anvertrauten (und damit in vieler Hinsicht uns auch ausgelieferten!) Mitmenschen geht, nach meiner √úberzeugung eben nur eine untergeordnete Rolle spielen.

M√∂glicherweise hat Sie besonders ver√§rgert, da√ü ich die WR auf meinen Text von 1996 hingewiesen habe. Ich hatte die Sache gr√ľndlich √ľberlegt. Es ging mir um folgendes. Vom ersten UK-Leserbrief an, den Herr Jacob schrieb, m√∂chte ich (im Grunde schon seit meinem Text von 1996) mithelfen, da√ü wir die damalige Schreckenszeit ehrlich und ausf√ľhrlich miteinander aufarbeiten, ohne da√ü die ehemals Geschundenen erneut Schaden nehmen. Als die Frage aufkam, seit wann der ESV diese Dinge bekannt sind, schickte ich Ihnen den 1996-Text (am 26.4.06). Trotzdem hei√üt es in Ihrem Text vom 20. Juni, Sie seien erst 2006 auf diesen "Fleck" gesto√üen; ich nahm mir vor, intern gegen diese Unrichtigkeit anzugehen. Erst als die WR Anfang August Ihre Zeitangabe ver√∂ffentlichte, sah ich mich gezwungen, auch meinerseits die WR zu informieren. Das Bild eines Stiftungsleiters, der sofort bei Bekanntwerden der Untaten t√§tig wird und die Sache innerhalb weniger Monate erledigt, mag verlockend sein. Dennoch will ich versuchen zu verhindern, da√ü es "offiziell" wird, nicht weil Sie es so sch√§tzen, sondern weil es durch die mit ihm gegebene merkw√ľrdige Interpretation belegbarer Tatsachen die Geschundenen erneut kr√§nkt. Ich k√§mpfe also gegen dieses Bild - nicht gegen dessen "Maler"!

Lieber Bruder Springer, auch in "rauhen" Zeiten mit br√ľderlichem Gru√ü, (Ihr Ulrich Bach)
 

Zum Thema ‚ÄěDie zweite Schuld‚ÄĚ (Ralph Giordano), angef√ľhrt unter dem Button ‚ÄúVoraussetzungen‚ÄĚ  (Navigationsleiste), bitte hier klicken.